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«Wer über 45 ist, bekommt bereits nach wenigen Minuten eine Absage»

30.06.17


Haben Bewerber die Altersgrenze 45 oder bereits 50 überschritten, werden sie bei offenen Stellen oft von vornherein aussortiert. Wie man damit umgeht, und wie Bewerber am besten auf sich und auf ihre Kompetenzen aufmerksam machen, erzählt der Coach Andreas Räber*.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Räber, müssen Unternehmen aus hundert oder mehr Bewerbern eine Hand voll Kandidaten für ein Vorstellungsgespräch auswählen, fliegen oft die über 45-Jährigen raus. Ist dies auch Ihre Erfahrung als Coach?

Ja, es ist verrückt, dass in der Schweiz die Anhebung des AHV-Alters diskutiert wird und gleichzeitig Über-45-Jährige Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden. Allerdings ist auch klar: Unternehmen müssen wirtschaftlich arbeiten und strategisch vorgehen. Bei 200 Bewerbern können sie nicht allen gerecht werden. Tatsächlich aber wird in manchen Branchen oder einzelnen Grossunternehmen sehr früh gefiltert. Bewerben Sie sich als Informatiker online, gibt es spezielle Software, die sofort das Alter scannt. Wer über 45 ist, bekommt bereits nach wenigen Minuten eine Absage. Begründet wird dies mit der technischen Entwicklung. Diese ist so rasant, dass ältere Informatiker tatsächlich oft nicht mithalten können. Doch vielleicht wären sie dank ihrer enormen Erfahrung gute Führungskräfte – aufgrund der frühen Selektion wird dies jedoch gar nicht in Betracht gezogen.

Was ist bei der Jobsuche ab 45 anders als mit 30?

Unter 45 werden Sie mit etwas Glück bei der Stellensuche nach etwa drei bis vier Monaten fündig; über 45 dauert dies leicht mal über ein Jahr.

Bei der Bewerbung sich nicht auf Vorlagen aus dem Internet verlassen

Inwiefern sollte man dann die in der Vergangenheit erfolgreichen Strategien der Jobsuche überdenken?

Bewerbungsstrategien zu überdenken, empfehle ich grundsätzlich für jedes Alter. Wollen Sie aus 200 Bewerbern herausstechen, dürfen Sie sich nicht auf Vorlagen aus dem Internet verlassen. Deshalb: kreativ sein, sich etwas einfallen lassen! Vor allem wenn Sie einen Beruf haben, in dem Sie ersetzbar sind. Schreiben Sie Firmen an, die gar nicht inserieren – vielleicht passt es zufällig, jetzt oder später. Generell muss man sich mit über 45 mehr ins Zeug legen, um einen Job zu bekommen. Persönliche Kontakte sind ebenfalls sehr wichtig. Allerdings dauert es auf diese Weise meist länger, bis man fündig wird.

Was raten Sie noch?

Bei mir im Coaching war ein Fotograf, der sich in der Vergangenheit nicht verkaufen musste, weil die Aufträge von allein kamen. Nun ist dies anders, und er muss umdenken. Sich etwa fragen: Warum sollte eine Firma mich anstellen? Es geht darum, Fachkenntnisse und Zusatzqualifikationen zu benennen, die für potenzielle Arbeitgeber interessant sein könnten. Solche bereichsübergreifende Kompetenzen müssen sichtbar gemacht werden. Das Problem jedoch ist: Die meisten haben Marketing in eigener Sache nie gelernt. Dabei ist dies essenziell. Auch für Leute, die eine Stelle haben, gilt es, sich weiter zu qualifizieren und nicht stehen zu bleiben.

Wie dick darf man beim Anpreisen seiner eigenen Kompetenzen auftragen?

Grundsätzlich sollten Sie immer wahrheitsgetreu bleiben. Jedem HR-Verantwortlichen ist klar, dass sich ein Bewerber verkaufen will. Doch es bringt nichts, wenn man dabei übertreibt, den Job bekommt und nach drei Monaten feststellen muss: Ich bin die falsche Person dafür. Sowas hinterlässt einen Fleck im Lebenslauf. Allerdings sind sich die meisten Menschen gar nicht bewusst, was für Stärken sie haben. Ein Coach kann helfen, diese heraus zu arbeiten.

Sich seiner Stärken bewusst sein

Inwiefern?

Einen Coachee, Informatiker von Beruf, habe ich mal gefragt: «Was sagt Ihre Frau über Sie, was Ihr bester Freund?» Beide fanden, der Betreffende sei äusserst kreativ. Für einen Informatiker ist dies ein wichtiger Charakterzug, kann dies doch bedeuten, dass er einen anderen oder besseren Blick auf Software hat. «Mein Umfeld sagt, ich sei sehr kreativ», lässt sich für die Bewerbung somit als Aussage festhalten. Im Idealfall ist diese auch rational begründbar – vielleicht gibt es ja eine Software, die der Betreffende in der Vergangenheit merklich verbessert hat? Wenn ja, könnte man darauf verweisen. Besagter Klient war jedenfalls ein Top-Mann, der sich seiner Stärken nur nicht bewusst war.

Und wie gelingt in fortgeschrittenem Alter eine komplette berufliche Neuorientierung?

Das gibt es in der Tat öfters. 10 bis 15 Jahre vor dem Rentenalter erinnern sich viele, dass sie eigentlich immer etwas anderes machen wollten. Damit ein kompletter beruflicher Neuanfang gelingt, sollte man sich vorher jedoch genau informieren, was realistisch ist. So kann ein Coaching-Gespräch helfen, eine Richtung herauszuarbeiten. Bedenken sollte man, dass bei einem kompletten Wechsel oft eine weitere mehrjährige Ausbildung nötig ist. In meinem Umfeld hat sich etwa ein Elektroingenieur zum Psychiatriepfleger umschulen lassen – das braucht Ausdauer und zum Teil finanzielle Mittel. Doch Mut und Aufwand lohnen sich! Ist man erst pensioniert und hat den Wechsel nicht probiert, führt das zu Frust.

Zur Person
*Andreas Räber ist Inhaber und Geschäftsführer von räber marketing & internet GmbH und sowohl als Coach, wie auch als Marketing-Spezialist tätig. Durch diesen beruflichen Mix steht er selbst mitten im Berufsleben, was eine praxisnahe Begleitung ermöglicht.

Zum Weiterlesen
Wer träumt nicht manchmal davon, noch einmal neu zu beginnen, etwas ganz anderes zu tun, mehr auf die innere Stimme zu hören? Warum sind es so wenige, die zu neuen Ufern aufbrechen? Interviews mit Menschen, die es gewagt haben: Ein langjähriger Bank-Filialleiter kündigt seinen gut bezahlten Job und eröffnet einen Tee- und Gewürzladen, eine alleinerziehende Kellnerin und Putzfrau wird zur gefragten Immobilien-Maklerin und weitere Beispiele. Mathias Morgenthaler, Marco Zaugg: Aussteigen – umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung. Zytglogge Verlag 2013, CHF 37.90.