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«Wurde man vom Chef angebrüllt, kann man sich kurz Kopfhörer einstöpseln und drei Minuten mit mir atmen»

08.10.15


Die Zürcherin Maria Boettner* hat eine Meditations-App entwickelt. Mit «Du Hast Pause» will sie Menschen helfen, zur Ruhe zu kommen, egal in welcher Situation diese sich gerade befinden.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Frau Boettner, Smartphones sind mit schuld daran, dass uns das Abschalten heute immer schwerer fällt. Nun möchten Sie Menschen ausgerechnet mit einer App zum Meditieren anregen.

Ja, weil die App eine sehr einfache Möglichkeit bietet, zur Ruhe zu kommen. Denn mit «Du Hast Pause» kann man jederzeit und überall meditieren.

Wie funktioniert das genau?

Die App kann man sich kostenlos runter laden – sowohl für iOS als auch in der Android-Version. Dort findet man zehn Mal zehn Minuten Meditationsprogramm, konzipiert für Anfänger, die noch nie etwas mit Meditation zu tun hatten. Aber auch Fortgeschrittene bekommen hier Anregungen. Zur Einstimmung kann man sich ein klassisches Klavierstück anhören, das dazu dient, sich zu zentrieren. Seit meine kleine Tochter auf der Welt ist, brauche ich zum Beispiel solch eine kurze Pause, bevor ich in die Meditation gehen kann. Mit Hilfe des Stille-Timers kann der User seine Meditationspraxis üben. Hier entscheidet er selbst, wie lange er meditieren möchte. Es gibt einen Gong zu Beginn, einen Gong am Ende, dazwischen Stille.

Gleichzeitig versuchen Sie, die Nutzer in den unterschiedlichsten Situationen abzuholen.

Ja, momentan gibt es auf der App über 50 geführte Meditationen zu speziellen Themen – und es werden ständig mehr. Dies ist das kostenpflichtige Angebot. Mit einem Jahresabonnement kann man beispielsweise bereits für zwei Franken im Monat alle Pakete zu bestimmten Themen runter laden. Meditationen, um Wartezeiten sinnvoll zu nutzen zum Beispiel, für besseren Schlaf oder für so genannte Erste-Hilfe-Situationen: Wenn man etwa gerade vom Chef angebrüllt wurde oder der Freund Schluss gemacht hat. Dann kann man sich kurz Zeit nehmen, sich auf die Toilette zurückziehen, Kopfhörer einstöpseln und drei Minuten mit mir atmen.

Achtsamkeit üben auf dem Spielplatz

Auch Meditationen für Eltern gehören dazu.

Das ist tatsächlich bisher weltweit einzigartig. Auf das Thema bin ich gekommen, weil unsere Tochter als Baby sehr schlecht geschlafen hat und nachts einfach nicht zur Ruhe gekommen ist. Das wiederum hat mich an meine Grenzen gebracht – trotz Meditationserfahrung. Bisher biete ich das Paket Elternschaft für 0 bis 3-jährige Kinder an. Aber das wird noch ausgebaut, weil ich merke, dass das Bedürfnis hier sehr gross ist. Mütter und Väter fragen mich oft: Wann bitte soll ich Achtsamkeit üben – auf dem Spielplatz etwa? «Ja», antworte ich dann, «genau dort – warum auch nicht?»

Meditieren auf dem Spielplatz? Das müssen Sie erklären.

Es geht darum, den Atem zu beobachten und sich wahrzunehmen. Dabei reicht es, mit zehn Prozent seines Fokus‘ beim Kind zu sein – auf diese Weise sehe ich immer noch, ob es etwas Gefährliches macht, auf die Strasse rennt oder einem anderen Kind an den Haaren zieht. Mit 90 Prozent meiner Aufmerksamkeit jedoch bleibe ich bei mir, gehe die Sinne durch und lerne so, abzuschalten. Diese Pausen sind extrem wichtig – gerade für Eltern.

Sie wollen also vermitteln, meditieren geht immer?

Genau. Es wird immer wichtiger, sich kurze Pausen zu verschaffen – zum Beispiel wenn man am Computer arbeitet. Die grösste Herausforderung bei der Konzeption war für mich, dass die Meditationen für alle sein sollen. Gerade im Paket Gesundheit war dies nicht immer einfach, denn dort geht es auch darum, mit den eigenen Selbstheilungskräften zu arbeiten – ohne dass die Leute finden «was ist denn das für ein Eso-Kram?».

Meditation bei Einschlafstörungen

Wie kamen Sie darauf, eine Meditations-App zu entwickeln?

Die Idee hatte ich tatsächlich beim Meditieren. Ich selbst praktiziere dies schon sehr lange. Mit elf Jahren begann ich mit Meditation und Yoga, weil ich schwere Einschlafstörungen hatte; beides unterrichte ich seit meinen Zwanzigern. Eigentlich jedoch bin ich Schauspielerin und habe eine Theaterausbildung. Doch auch am Theater kamen Leute oft auf mich zu: «Kannst du mir eine Übung zeigen gegen Nervosität oder meine Rückenschmerzen?», hiess es dann beispielsweise. Selbst als ich erste Fernsehrollen hatte, klopfte es an der Garderobe, und ich wurde nach Tipps gefragt. «Ich will doch nur schauspielern!», dachte ich dann immer. Bis 2010 habe ich beides parallel praktiziert – erst dann habe ich meinen Fokus hauptsächlich auf Meditation verlagert.

Was hätten Sie gerne gewusst, bevor Sie die App realisiert haben?

Eine Idee zu haben, ist die eine Sache, die Umsetzung eine andere. Mein Budget war klein, und ich habe bisher alles aus eigener Tasche finanziert. Ich hatte anfangs keine Ahnung, wie man eine App entwickelt. Daher war der Weg zur professionellen App zwischendurch steinig. Aber ich hatte auch Glück, ein tolles Entwicklerteam in Barcelona zu finden, das meine Ideen eins zu eins umgesetzt hat. Diesen gemeinsamen Entwicklungsprozess möchte ich nicht missen. Letztendlich habe ich neun Monate an der App gearbeitet – es ist sozusagen mein digitales Kind und fühlt sich auch so an.

Warum wird die App ein Erfolg?

Weil Pausen einfach gut tun. Und die App ermöglicht es, einen bewussten Raum für solche Pausen zu schaffen. Wenn die Menschen mit Hilfe von Meditation mehr Gelassenheit und Freude verspüren in ihrem Leben, dann ist das Ganze für mich ein Erfolg.


Zur Person:

*Maria Boettner studierte Schauspiel in Hamburg und wirkte seitdem in diversen Theater- und Filmproduktionen mit. Sie meditiert seit sie elf Jahre alt ist. Als Kind hatte sie schwere Einschlafprobleme. Meditation und Yoga halfen, diese zu bewältigen. In den vergangenen zwanzig Jahren lernte Maria vielfältige Formen der Meditation sowie Techniken zur Entspannung. Mittlerweile gehört das Stillsitzen für sie zum Alltag wie das Zähneputzen. Mit ihrer App «Du Hast Pause» möchte sie möglichst vielen Menschen die Freude am Meditieren vermitteln.