«Was für nichtige Probleme sind das eigentlich, mit denen wir uns in der Schweiz rumschlagen?»

07.01.16


Medien können in Konfliktsituationen Hass und Gewalt propagieren – aber auch den Frieden fördern. Die Schweizer Journalistin Regula Rutz* trainiert für die Deutsche Welle Akademie Medienschaffende aus Krisenregionen in konfliktsensibler Berichterstattung. Mit etextera sprach sie über Hetzberichte, entwurzelte Menschen und intensive Trainingstage.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera, Kristina Reiss


Frau Rutz, was muss man sich unter «konfliktsensiblem Journalismus» genau vorstellen?

Einen Journalismus, der nicht noch mehr zu einem Konflikt beiträgt, der Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigt, eine konfliktsensitive Sprache benutzt und auch über den Alltag in Konfliktgebieten berichtet. Es ist ein Journalismus, der sich an die internationalen Standards hält und die eigene Perspektive stets in Frage stellt. Der Zusammenhänge aufzeigt und Hintergründe beleuchtet. Auch bei uns sollte dem mehr Rechnung getragen werden. So herrscht hier oft der Eindruck, aus Afrika gäbe es nur schlechte Nachrichten – was so nicht stimmt. Tatsächlich sind es die Produzenten in den Medienhäusern, die die Auswahl treffen. Aus Afrika gäbe es tausende schöne Geschichten zu erzählen – die allermeisten erreichen uns in der Schweiz aber gar nicht.

Sie sind für die Deutsche Welle Akademie in Krisengebieten unterwegs, um dort lokale Journalisten zu schulen. Wie funktioniert dies genau?

Ich war in Kenia und Burundi im Einsatz, zurzeit bin ich Teil eines Teams der DW-Akademie, das libysche Journalisten ausbildet. Weil dies in Libyen zu gefährlich wäre, finden die Trainings in Tunis und Istanbul statt. Die Teilnehmer sind vor allem TV- und Radioleute, sie setzen sich mit praktischen wie auch ethischen Fragen auseinander.

Im Idealfall wählen Medien Beiträge aus, die ein umfassendes Bild zeigen

Wie sollte ein Journalismus aussehen, der zum Frieden beiträgt?

Es geht dabei vor allem um die Auswahl der Nachrichten. Im Idealfall wählen Medien Beiträge aus, die ein umfassendes Bild zeigen. In Libyen gibt es im Moment kaum ein Medienhaus, das unparteiische Nachrichten verbreitet. Die meisten sind Teil der Kriegsparteien. Journalisten, die dabei nicht mitmachen, werden bedroht, angegriffen und umgebracht.

Birgt dies nicht die Gefahr der Selbstzensur oder der einseitigen Berichterstattung – wenn nur unbedenkliche Beiträge ausgestrahlt werden?

Konfliktsensitiver Journalismus ist nicht gleichbedeutend mit unkritischem Journalismus. Aber Journalisten müssen ja immer eine Auswahl treffen und etwas weg lassen. Eine Entscheidung gegen was, ist somit auch eine Entscheidung für etwas. Hinzu kommt: In Konfliktgebieten, orientieren sich die Menschen meist an der Elite. Auch in Libyen ist das so. Was dazu führt, dass Journalisten stets mit den Anführern reden. Allerdings sind diese in der Regel Hardliner – womit man sich sofort im Kampfgebaren befindet. Besser wäre es deshalb, Medienschaffende würden sich für Interviews jeweils die gemässigteren Leute in den unterschiedlichen Lagern aussuchen. Und dabei womöglich feststellen: So weit sind die Konfliktparteien gar nicht voneinander entfernt. Vielleicht ist dann sogar ein Kompromiss möglich.

Bewusst machen, was Hetzberichte anrichten können

Wie konfliktsensibel sind Menschen, deren Land mitten in einem blutigen Krieg steckt? Die entweder selbst, in der eigenen Familie oder im Freundeskreis Bedrohungen und Gewalt erfahren haben?

In den Trainings thematisieren wir zunächst internationale Standards: Unparteilichkeit, Faktentreue, aber auch die Verantwortung der Medienschaffenden. Den Teilnehmenden bewusst machen, was Hetzberichte anrichten – dass sie dafür bestraft werden können, ist vielen zum Beispiel gar nicht klar. In einem nächsten Schritt soll reflektiert werden, was ein Konflikt ist. Dass dieser – banal gesagt – zum Leben gehört, oft lösbar ist, aber auch Probleme aufzeigt, die nicht gelöst sind und daher eine Chance zur Verbesserung bietet. Dies ist natürlich vor dem Hintergrund eines bewaffneten Konflikts wie dem in Libyen schwierig einzusehen. Der sicher herausforderndste Teil des Trainings – und für die Teilnehmer oft am schmerzhaftesten – ist jedoch die Frage: Welche Brille habe ich auf als Journalist in diesem Konflikt – aufgrund meiner Stammeszugehörigkeit, meiner Religion? Und wie kann ich mir dieser Perspektive bewusst bleiben und meine Arbeit professionell leisten?

Mit welchen Schwierigkeiten sehen sich Journalisten in der Praxis konfrontiert – etwa in Libyen?

Während des Trainings bewegen sich die Teilnehmenden in einem geschützten Raum und können relativ offen sein. Zurück in den Medienhäusern stehen sie jedoch meist unter enormen Druck: Von Seiten des Chefs etwa, der womöglich auch einer bestimmten politischen Seite angehört und weder Interesse noch Verständnis für konfliktsensiblen Journalismus hat, sondern seine politische Agenda mittels seines Medienhauses durchsetzen will. Aber auch von Seiten der Hörer, Leser oder Zuschauer, die ihre politische Haltung in den Medien vertreten sehen wollen. Oft werden Journalisten auch von diversen bewaffneten Gruppierungen physisch und psychisch bedroht. Kurz: Das Gelernte umzusetzen, ist für die Teilnehmenden schwierig. Umso wichtiger ist es daher, dass ein Raum geschaffen wird, in dem sie das Gelernte anwenden können. Wie etwa die neue libysche Nachrichtenagentur, Libyan Cloud News Agency**, deren Aufbau die EU zusammen mit der DW-Akademie unterstützt.

Den Leuten auf Augenhöhe begegnen


Schwierig ist es vermutlich auch, dass die Teilnehmenden sich gegenüber einer Ausländerin öffnen, noch dazu einer Frau. Oder fällt es dann gerade leichter?

Ich erlebe beides. Für mich als Trainerin in diesem Umfeld ist es das Wichtigste, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen, sich wirklich auf sie einzulassen und zu respektieren. Dass sie einen als Mensch erleben und nicht als jemanden, der nur zum Predigen kommt.

Was war Ihr bisher eindrücklichstes Erlebnis?

Als ich gemerkt habe, wenn du einfach Mensch bist, erreichst du die Leute am besten. Ohne zu überlegen, nahm ich einmal einen Teilnehmer, dessen Vater gerade gestorben war, in den Arm. Diese simple Handlung brach das Eis in der Gruppe. Auf der sachlichen Ebene hat mich am meisten beeindruckt, als die Teilnehmenden einige Libyer interviewten, die zum Ausschuss gehören, der momentan die zukünftige libysche Verfassung ausarbeitet. Zu sehen wie sie tatsächlich die gelernten Tools anwandten, hartnäckig blieben und sich nicht einschüchtern liessen, hat mich wahnsinnig berührt und stolz gemacht. Auf der anderen Seite bekommt man als Trainerin aber auch das Leben von Leuten im Exil hautnah mit: Entwurzelte Menschen, die ein Leben hatten wie wir und nach dem Kurs nicht wissen, wo sie am Abend schlafen werden, da sie seit ihrer Flucht aus Libyen aus dem Koffer leben. Nach solch intensiven Tagen des Trainings zurück in der Schweiz denke ich oft: Was mache ich hier? Und was für nichtige Probleme sind das eigentlich, mit denen wir uns in der Schweiz rumschlagen?

Was treibt Sie persönlich an?

Einerseits liebe ich den Austausch mit Menschen unterschiedlicher Kulturen. Oft denke ich, dass ich wohl mindestens so viel lerne wie unsere Trainees. Zudem bin ich überzeugt, dass Medien einen wichtigen Beitrag zur Konfliktverhinderung leisten und auch friedensbildend wirken können. Gern würde ich einen Austausch von libyschen und Schweizer Journalisten ins Leben rufen und bin dafür auf der Suche nach Geld und Kooperationspartnern. Ziel wäre es, dass sich beide Seiten besser kennen lernen und die Berichterstattung dadurch ausgewogener wird. Auslandskorrespondenten kennen das Dilemma: Berichte, die nicht ins Bild passen, werden von der Heimatredaktion oft abgelehnt. Ein besseres Verständnis könnte dem entgegenwirken. Damit es künftig nicht mehr heisst: «Aus Afrika erreichen uns immer nur schlechte Nachrichten.»


Zur Person

*Regula Rutz ist Radiojournalistin und Trainerin u.a. für die DW Akademie. Sie interessiert sich insbesondere für konfliktsensitiven Journalismus wie auch die Rolle der Medien im Peacebuilding.

**Libyan Cloud News Agency (LCNA) ist eine unabhängige Nachrichtenagentur, die mit einem umfassenden Korrespondentennetz aus allen Landessteilen Libyens Meldungen für in- und ausländische Medien produziert. Da die noch bestehenden libyschen Medienhäuser einer strikten Zensur unterliegen oder nur sehr eingeschränkt lokal berichten können, beziehen die libysche Bevölkerung und ausländische Medienhäuser so gut wie keine Informationen mehr aus dem nordafrikanischen Staat. Die LCNA soll diese Lücke schliessen. Sie wurde im Rahmen eines EU-Projekts entwickelt, das auf die Unterstützung libyscher Medien und Journalisten abzielt.

PS: Warum selber machen, wenn es Profis gibt? etextera unterstützt Sie beim Texten, Gestalten und Umsetzen Ihrer Kommunikationsprojekte. Sprechen Sie mit uns.

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