«Es ist typisch Frau, sich immer in Frage zu stellen»

29.10.15


Ein anspruchsvoller Job und zwei relativ kleine Kinder: Clarissa Haller* ist Kommunikationschefin bei der Credit Suisse. Im Interview erzählt sie, wie sie den Spagat zwischen Karriere und Familie erlebt, inwiefern sich ihre Prioritäten geändert haben und weshalb sie es gut findet, wenn Mitarbeiterinnen mit Yoga-Matten im Büro erscheinen.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Frau Haller, wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?

Um fünf, so wie immer. Früher bin ich dann aufs Laufband, heute richte ich Frühstücksbrote für die Kinder.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Um halb acht verlasse ich das Haus, entweder mein Mann oder ich bringen die Kinder dann in die Schule. Gegen 19 Uhr versuche ich wieder zu Hause zu sein – zum gemeinsamen Essen, über den Tag reden und Kinder ins Bett bringen. Dies gelingt mir nicht täglich aber fast immer. Anschliessend setze ich mich wieder an den Computer, bis etwa Mitternacht.

Seit einem halben Jahr sind Sie Kommunikationschefin bei der Credit Suisse – nachdem Sie zuvor acht Jahre in selber Funktion bei ABB tätig waren. Was reizte Sie an der neuen Stelle?

Mal wieder die Branche zu wechseln. Was die Themen angeht, ist Kommunikation in globalen Unternehmen ja sehr ähnlich. Spannend sind deshalb die branchenspezifischen Unterschiede. Ich hatte einfach wieder Lust, Neues zu lernen. Hinzu kommt: Banken haben heute ein Reputationsproblem, ihnen wird viel Misstrauen entgegen gebracht. Diese Herausforderung anzunehmen, hat mich sehr gereizt.

Nachhilfe vom Ehemann

Wie haben Sie den Branchenwechsel erlebt?

Zunächst musste ich die neue Branche verstehen – und ich lerne noch! Zwar dreht es sich in der Kommunikation immer auch um Bilanzen und Geschäftszahlen, aber bei Banken geht es natürlich noch viel mehr in die Zahlen und ins Detail. Und ich habe keinen Finanz-Hintergrund. Überrascht hat mich aber, wie einfach mir der Einstieg von den Kollegen gemacht wurde. Das war wirklich grossartig.

Sie hätten ja auch bei Ihrem Mann Nachhilfe nehmen können – schliesslich arbeitet dieser bei der UBS.

Das mache ich auch! Vor allem wenn es um branchenspezifischen Jargon geht. In der ersten Woche bei der CS sass ich zum Beispiel in einem Meeting und hört immerzu die Abkürzung «kyc». Weil ich nicht immer alles nachfragen wollte, erkundigte ich mich abends bei meinem Mann danach. «Know your customers heisst das!», sagte er, «das ist wichtig!».

Es kann aber auch schwierig sein, wenn der Partner bei der Konkurrenz arbeitet.

Wir diskutieren grundsätzlich keine Vertraulichkeiten oder Firmeninterna – das habe ich schon immer so gehalten. Klar ist auch: Hätte mein Mann eine Stabsfunktion inne, wie etwa Strategie, hätte ich den Schritt zur CS vermutlich nicht gemacht. Da er aber Kundenberater in der Region ist, sind wir beruflich weit voneinander entfernt.

Das Wichtigste: Ein Partner, der unterstützt

Sie und Ihr Mann arbeiten beide 100 Prozent, Ihre Söhne sind 6 und 9 Jahre alt. War Beruf oder Familie für Sie je eine Frage?

Nein, nie. Mir war es schon immer wichtig, einen Beruf zu haben, der mich ausfüllt. Ich habe nie daran gedacht der Kinder wegen auszusteigen. Die Hauptvoraussetzung dafür ist allerdings, einen Partner zu haben, der hinter einem steht. Wäre mein Mann nicht so unterstützend, wäre dies alles nicht möglich. Ich habe jeweils drei Monate Mutterschaftsurlaub genommen, und beim ersten Kind blieb mein Mann ein Jahr zu Hause. Weil wir beide 100 Prozent arbeiten, ist es für uns finanziell auch möglich, Unterstützung zu holen. Unsere Nanny ist nämlich die zweite wichtige Voraussetzung, dass alles funktioniert. Ich bin sehr froh, dass meine Kinder eine so starke Beziehung zu ihr haben, sonst würde das nicht gehen.

Was hat sich für Sie mit den Kindern geändert?

Ich bin sicher effizienter geworden und setze meine Prioritäten anders. Früher wollte ich immer alles zu 200 Prozent perfekt machen – mit Sahnehäubchen und Kirsche oben drauf. Mit den Kindern habe ich mir dann aber die Frage gestellt: Bringt diese aufwändige Extraarbeit wirklich so viel, dass es sie wert ist? Ich habe mich also von Sahnehäubchen samt Kirsche verabschiedet. Und auch vom Anspruch, eine gute Hausfrau zu sein. Als wir über Weihnachten alle zu Hause waren, gab es viel, was man hätte machen sollen. Ich habe aber versucht, dies auszublenden und die Zeit lieber mit den Kindern verbracht. Auch Hobbies habe ich keine mehr, seit ich Mutter bin. Das kommt dann vielleicht in zehn Jahren wieder. Dafür habe ich einen Job, der mich erfüllt und mir Freude macht. Das ersetzt dann eben momentan die Hobbies.

Nur wenige Frauen mit Familie in ähnlichen Positionen

Gibt es in Ihrem Umfeld viele Frauen in ähnlicher Situation?

Im Beruf nicht, nein. Und im Bekanntenkreis arbeiten zwar die meisten Frauen, aber in so einem exponierten Job ist kaum jemand. Allerdings ist das auch nicht immer einfach. Es gibt viele Momente, die schwierig sein können. Wenn Sie zum Beispiel im Flugzeug sitzen, auf einem Langstreckenflug, der Sie für mehr als nur ein bis zwei Tage wegbringt, und ihre Kinder sind zu Hause...

...dann plagt Sie das schlechte Gewissen?

Ja, und ich vermisse sie dann vor allem sehr. Generell muss man sich bei einem solchen Job wie meinem schon bewusst sein, dass man einen hohen Preis zahlt. Schliesslich bekommt man viel nicht mit, was bei den Kindern passiert. Zumal ein Job in der Kommunikation ja auch in hohem Masse fremdbestimmt ist. An jenem Tag, als die SNB die Entscheidung verkündete, die Franken-Deckelung aufzuheben, hätte ich es zum Beispiel sicher nicht geschafft, früher nach Hause zu gehen, um ein Flötenkonzert im Kindergarten anzuhören. In solchen Momenten muss man abwägen und Entscheidungen treffen – und diese dann auch den Kindern erklären.

Statt Firmenwagen lieber finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung

Inwiefern müssten sich die Rahmenbedingungen ändern – damit Frauen, aber auch Männer, den Versuch, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, nicht so sehr als Zerreissprobe erleben?

In grossen Unternehmen sollte es zum Beispiel ganz selbstverständlich sein, dass man vor dem Antritt einer neuen Stelle nicht nur Infomaterial über die Pensionskasse und mögliche Firmenwagen ausgehändigt bekommt, sondern auch darüber, wo es Kinderkrippen gibt. Dass man zum Beispiel Hilfe bei der Nanny-Suche bekommt oder wählen kann: «Einen Firmenwagen brauche ich nicht, dafür nehme ich lieber finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung in Anspruch.» Aber auch die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist dringend nötig. Doch in diesem Bereich ändert sich ja zum Glück sehr viel.

Wie meinen Sie das?

Die Veränderungen kommen dabei nicht so sehr aus den Firmen heraus, sondern von den Mitarbeitern selbst. Ich beobachte, dass da eine neue Generation am Start ist, die völlig andere Vorstellungen von Leben und Beruf hat. Einem Mann, der sein Pensum reduziert oder eine Zeitlang ganz zu Hause bleibt, wurde vor ein paar Jahren noch das Ende seiner Karriere vorhergesagt. Heute ist das zumindest selbstverständlicher geworden. Auch die jungen Leute, die morgens mit ihrer Yoga-Matte bei uns im Büro eintreffen, finde ich toll! Und hätte es mir gleichzeitig in meinen Anfangsjahren nie getraut. Weil es ja ein Zeichen dafür hätte sein können, nicht völlig committet zu sein. Hier ist es gut, dass sich was ändert! Gleichzeitig müssten aber noch viel mehr Firmen erkennen, wie wertvoll Frauen mit Familie als Mitarbeiter sind.

Inwiefern?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen mit Familie die loyalsten Mitarbeiter sind, die man sich denken kann. Wenn sie Beruf und Privatleben gut miteinander kombinieren können und Unterstützung des Arbeitgebers erfahren, dann werden sie sich nicht ohne Not verändern. Sie arbeiten wirklich hart und sind sehr effizient. Hinzu kommt: Wer es vermag, Kinder und Beruf zu stemmen, ist ohnehin sehr gut organisiert und smart.

Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen

Wo holen Sie sich die Energie für Ihren Alltag?

Keine Ahnung. Die ist zum Glück einfach da. Nein, ich muss es anders sagen: Ich erlebe meinen Job nicht als Belastung, stattdessen gibt er mir einfach viel Energie. Aber das wirklich Allerwichtigste sind meine Kinder, meine Familie.

Was Ihnen vermutlich manche nicht abnehmen werden.

Ja, das ist auch so ein Punkt, den ich enorm wichtig fände und was ich auch versuche, im Alltag zu leben: Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen und den jeweils gewählten Weg anerkennen. Ob nun Hausfrau, Teilzeit arbeitend oder mit vollem Pensum im Beruf: Jeder Weg ist für die Einzelne der richtige. Sich gegenseitig Vorwürfe über das gewählte Lebensmodell zu machen, hilft da nicht weiter. Aber es ist irgendwie typisch Frau, sich immer in Frage zu stellen. Das erlebe ich auch im Beruf. Männer sind da viel entspannter.

Zur Person:

*Clarissa Haller ist seit einem halben Jahr Kommunikationschefin bei der Credit Suisse. Zuvor war sie in selber Funktion acht Jahre lang bei ABB tätig.

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