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«Viele Hassbriefschreiber haben einen hohen Bildungsgrad»

13.05.15


Hate Poetry ist eine Art Satireshow, die deutsche Journalisten mit Migrationshintergrund ins Leben gerufen haben. Öffentlich lesen sie Hassbriefe und rassistische E-Mails vor, die ihnen zugeschickt werden – und entblössen so deren Verfasser. Zu der Gruppe gehört auch Mohamed Amjahid*, Volontär beim Berliner Tagesspiegel. Im Herbst haben die Journalisten ihren ersten Auftritt in der Schweiz.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Amjahid, seit drei Jahren wetteifert das Hate-Poetry-Team in einem Vorlesewettbewerb
um den Preis für die dümmste und rassistischste Leserzuschrift. Wie kam es dazu?

Hassbriefe gab es schon immer, aber das Internet hat alles verstärkt. Irgendwann kam die Frage auf: Wie reagieren wir auf den ganzen Hass? Und was könnte eine Alternative sein zu einfach runter schlucken? Schliesslich wird man als Journalist von der Redaktion ja auch dazu angehalten, auf Zuschriften zu antworten. So wurde die Idee der Hate Poetry geboren. Die erste Vorstellung im Berliner taz-Café war ein Experiment – und dieses verlief so erfolgreich, dass meine Kollegen weiter machten. Ich selbst bin erst seit diesem Jahr dabei.

Was ist das Ziel der Performance?

Die einen sagen, es hat einen therapeutischen Effekt, andere weisen diesen Aspekt von sich. Einig sind wir uns aber darin, dass wir mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen wollen: Es gibt Rassismus. Und wir Journalisten mit nicht-deutschen Namen sind davon betroffen, weil wir in der Öffentlichkeit stehen. Oder, wie wir gerne sagen: Wir schleudern die Scheisse wieder in die Umlaufbahn zurück. Und spiegeln das Ganze auf eine unterhaltsame Art.

Wie viele beleidigende Zuschriften erhalten Sie persönlich?

Meinen ersten Hassbrief erhielt ich vor fünf Jahren. «Sie rot-grünes muslimisches U-Boot», stand darin, «Sie gehören auf den Friedhof». Ich war schockiert. Und fragte mich: Wie kann jemand nur so etwas schreiben? Heute erhalte ich ein bis zwei Zuschriften pro Tag. Manchmal kommt aber auch mal zwei Tage gar nichts, dann wieder 500 Zuschriften auf einen einzigen Artikel. Das Feedback trifft ein über Facebook, Internet oder die Tagesspiegel-Webseite. Kurz: Ich werde immer frisch beliefert mit ausreichend Hate-Poetry-Material. Das einzige Problem besteht darin, dass die Verfasser manchmal nicht mehr so kreativ in ihren Formulierungen sind. Dann wirds langweilig.

Es geht nicht um die Inhalte eines Artikels

Womit haben diejenigen, die Ihnen schreiben, eigentlich ein Problem?

Gute Frage. Generell geht es jedenfalls nicht um die Inhalte eines Artikels. Ich kann übers Wetter schreiben und jemand würde sich trotzdem dazu aufgefordert fühlen, mir ein Hass-Mail zu schicken. Einmal habe ich ein fiktives Interview mit dem Osterhasen geführt – ganz harmlos, für die Kinder, die unsere Zeitung ja auch lesen. Da lautete eine der Reaktionen sinngemäss: «Wie kann nur so ein ekelhafter Mohammedaner unsere abendländische Kultur in den Schmutz ziehen.» Die Leute schauen wohl auf die Autorenzeile, lesen unsere nicht deutsch klingenden Namen und fühlen sich angegriffen. Googeln Sie doch mal meinen Namen. Sie werden erstaunt sein, was Sie da alles an angeblichen Informationen über mich finden. Dass ich die Hadsch mache, die Pilgerfahrt nach Mekka, und vom CIA bezahlt werde, gehört noch zu den harmlosen Dingen.

Gehen Ihnen solche Zuschriften noch nahe? Oder denken Sie: Toll, das wird ein Knaller bei der nächsten Show?

Nein, darüber freut sich keiner. Auch bei mir kommt die Freude erst kurz vor der Hate-Poetry-Veranstaltung. Auf manche Zuschriften reagiere ich mittlerweile aber auch gar nicht mehr. Es gibt ja unterschiedliche Abstufungen – von unverschämt über vulgär, bis gewaltandrohend mit Formulierungen wie: «Ich weiss, wo du wohnst!» Manche von uns haben auch schon Morddrohungen erhalten. Wir Hate-Poetry-Kollegen besprechen diese Zuschriften immer – das allein hat schon therapeutische Wirkung.

Gibt es Anhaltspunkte darüber, wer die Verfasser sind?

Ich habe mal versucht, eine kleine Anthropologie der Hassbriefschreiber aufzustellen. Was dabei festzustellen ist: Es gibt eine grosse Diversität. Manche Zuschriften wimmeln zwar von Grammatik- oder Rechtschreibfehlern, einige würde ich am liebsten redigieren, damit sie sich besser lesen. Aber in der Regel sind es nicht Nazi-Glatzen oder die Gescheiterten der Gesellschaft, die sich auf diese Weise melden. Stattdessen haben viele Hassbriefschreiber einen hohen Bildungsgrad, unterschreiben oft mit ihrem Klarnamen und zum Teil auch mit Professoren-Titel, wie etwa «Professor XY von der Universität XY». Es sind also auch Entscheidungsträger darunter – das ist das Erschreckende. Und darauf wollen wir aufmerksam machen: Rassismus gibt es überall!

Je weiter der Abend fortschreitet, umso schockierter sind die Zuschauer

Haben Sie schon mal überlegt, juristisch gegen die Briefeschreiber vorzugehen?

Nein. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das der richtige Weg wäre. Hate Poetry halte ich für effektvoller.

Wie ist die Reaktion der Zuschauer auf Ihre Show?

Normalerweise wird anfangs herzhaft gelacht, doch je weiter der Abend fortschreitet, umso schockierter sind die Zuschauer und umso seltener werden die Lacher. Beides sind gewollte Effekte. Am Ende verlesen wir jeweils das «Wort zum Sonntag» und erklären darin, weshalb es gut ist, über Hate Poetry zu lachen. Ausserdem sagen wir, dass es toll wäre, wenn nun alle Zuschauer als Multiplikatoren raus gehen und ihren Freunden und Bekannten vom Erlebten erzählen. Wenn dies 300 Leute, die im Theater gesessen sind, tatsächlich tun, wäre viel gewonnen.

Aber Ihre Show ist auch eine Gratwanderung: Das Lachen bleibt einem doch oft im Halse stecken, oder?

Ja, stimmt. Das ist auch die Rückmeldung von Zuschauern. Als ich zum ersten Mal die Veranstaltung gesehen habe, ging es mir genauso. Aber wir wollen dem Publikum auch vermitteln: Ihr braucht kein schlechtes Gewissen haben, ihr dürft darüber lachen. Mit unserer Performance versuchen wir, Zuschauer für Rassismus zu sensibilisieren, die sich dieser Problematik vorher nicht bewusst gewesen sind. Journalismus hat die Aufgabe, Themen so aufzubereiten, dass Leser diese tatsächlich lesen. In diesem Sinne ist Hate Poetry eine effektive Art, Rassismus zu thematisieren.

Wie lange machen Sie noch weiter mit Hate Poetry?

So lange, bis die Leute aufhören, Hassbriefe zu schreiben und sich dafür entschuldigen. Was durchaus als Drohung zu verstehen ist. Damit wollen wir auch zeigen: Wir können uns wehren! Immerhin besitzen wir Hate-Poetry-Teilnehmer das Privileg, uns artikulieren zu können – wozu viele von Rassismus Betroffene nicht in der Lage sind. Insofern ist es ein totaler Luxus, Hassbriefe zu erhalten. (Bild: tsp)


Zur Person:

*Mohamed Amjahid, Jahrgang 1988, ist Volontär beim Berliner Tagesspiegel. Zuvor war er freier Autor für die Zeit, den Deutschlandfunkund andere Medien. Er wurde ausgezeichnet mit dem Alexander-Rhomberg-Preis für Nachwuchsjournalisten und ist seit Anfang 2015 Teil der Hate Poetry. Im Herbst plant die Gruppe ihren ersten Auftritt in der Schweiz.
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