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«Wir scheinen eine Generation zu sein, die Spiessigkeit wieder lebt»

19.02.15


Mit 13 Jahren hackte er sein iPhone, mit 15 wurde er Unternehmensberater. Heute lernen Manager in ganz Europa von Philipp Riederle* wie die Generation Y tickt. Der 20-Jährige sagt: «Wir wollen nicht mehr dem Beruf alles unterordnen, sondern eine Balance zwischen Job und Freizeit.»

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Riederle, ob Audi, SAP oder Microsoft: Sie sind europaweit als Referent und Unternehmensberater unterwegs. Wie ist es, mit 20 vor gestandenen Managern zu stehen und ihnen die digitale Welt zu erklären?

Das kam nicht von heute auf Morgen, sondern hat sich langsam entwickelt. 2010 bekam ich die erste Anfrage – von der Deutschen Telekom, die sich wunderte, wie es sein kann, dass ich mit meinem Podcast 100‘000 Leute erreiche und sie selbst das nicht schafft. Damals war ich 15, ging in die 9. Klasse und bekam für den Vortrag extra schulfrei. Ab da kamen dann immer mehr Anfragen; und ich bin langsam hinein gewachsen, vor gestandenen Managern zu sprechen. Allerdings kommt mir das manchmal auch noch ziemlich absurd vor. Normal ist das Ganze ja nicht; ich sehe es aber als grosse Ehre und vor allem als Bereicherung. Denn ich selbst kann ebenfalls viel lernen. Zumal die Bandbreite der Branchen, für die ich arbeite, sehr gross ist: Vom Logistikunternehmen bis zum Mobilfunkhersteller – das Umfeld ist jedes Mal ein anderes.

Weshalb herrscht offensichtlich ein grosser Bedarf zu erfahren, was «Digital Natives» oder die so genannte «Generation Y», zu der Sie auch gehören, bewegt?

Tatsächlich erlebe ich in vielen Unternehmen eine grosse Ratlosigkeit. Dies liegt in erster Linie daran, dass relevantes Erfahrungswissen heute nicht mehr von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben wird. Stattdessen findet die Vermittlung eher umgekehrt statt – zum Beispiel durch mich.

Online sein ist unsere Kommunikationsform

Lassen Sie uns zusammenfassen: Digital Natives sind dauernd online, ständig am Kommunizieren und haben keine Angst vor dem Verlust der Privatsphäre auf Sozialen Netzwerken. Was sollten Manager ausserdem noch wissen?

Was Sie aufzählen sind Vorurteile, die von vielen als Wissen wahrgenommen werden.

Und wie verhält es sich tatsächlich?

Wir sind natürlich viel online, keine Frage. Das ist eben unsere Kommunikationsform. Weil wir dies schon lange tun, haben wir uns aber eine gewisse Medienkompetenz erworben. Deshalb ist online sein längst kein Paralleluniversum mehr, in das wir uns flüchten, sondern gehört zum Alltag.

Der Spass beginnt für uns nicht erst nach der Arbeit

Welche Fehler machen Unternehmen am häufigsten beim Versuch, die Generation Y zu erreichen?

Ich spreche oft zum Thema «Wie sieht der Arbeitnehmer der Zukunft aus?» Der grösste Fehler, den Firmen hier machen können, ist auf uns zuzugehen ohne verstanden zu haben, dass ein Wertewandel stattgefunden hat. Waren für unsere Eltern noch Geld, Status und Macht wesentliche Antriebe für einen Job, steht für uns Sinnhaftigkeit im Zentrum. Wir wollen nicht mehr dem Beruf alles unterordnen, sondern eine Balance zwischen Job und Freizeit. Der Spass beginnt für uns nicht erst nach der Arbeit. Deshalb muss der Job einfach passen. Versteht man diese veränderte Wertigkeit, ist einem auch klar, dass wir nicht mehr mit klassischen Unternehmensberaterjobs zu locken sind, bei denen man in den ersten Jahren verheizt wird, nie zu Hause ist und als Anreiz ein grosses Auto versprochen bekommt. Auch Heimat und persönliche Bindungen sind in unserer Generation so wichtig wie nie zuvor.

Wegen einem interessanten Job 500 Kilometer weit weg zu ziehen ist also indiskutabel?

Natürlich ist dies immer eine individuelle Entscheidung. Und wir sind sicher mobiler als andere Generationen vor uns. Generell aber – und das bestätigen auch sehr viele Studien – wollen wir uns langfristig irgendwo niederlassen, ein stabiles Umfeld haben und eine Familie gründen.

Wir sehnen uns nach Konstanten in unserem Leben

Das hört sich recht spiessig an.

Ja, absolut. Wir scheinen eine Generation zu sein, die Spiessigkeit wieder lebt. Ich habe auch eine Erklärung dafür: Früher war Heimat einfach immer da und wurde deshalb als nicht so wichtig wahrgenommen. Heute hingegen leben wir in einer sehr mobilen Welt, und diese Mobilität wird auch von uns erwartet. Umso mehr sehnen wir uns deshalb nach Konstanten in unserem Leben.

Vor zwei Jahren – Sie waren gerade 18 – haben Sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: «Wer wir sind und was wir wollen – ein Digital Native erklärt seine Generation». Weshalb wählten Sie ausgerechnet das altmodische Medium Buch, um Ihre Message unter die Leute zu bringen?

Ganz einfach: Weil ich meine Zielgruppe im Blick hatte. Um Gleichaltrige anzusprechen, hätte ich sicher eher einen Blog gewählt. Generell geht es darum, sich vorurteilsfrei auf die veränderten Wertvorstellungen der unterschiedlichen Generationen einzulassen und diese zu verstehen. Gerade heute, wo am Arbeitsplatz vier Generationen aufeinander treffen, ist es wichtig, mit unterschiedlichen Arbeitsweisen umgehen zu können.

Neue Impulse und Einblicke geben

Sie selbst haben allerdings noch nie in den Strukturen eines grossen Unternehmens gearbeitet. Wo liegen Ihre Grenzen als Berater?

Ganz klar: Ich gehe nicht in Unternehmen rein wie etwa McKinsey-Berater – kann ich auch gar nicht und das wissen meine Kunden auch. Was hingegen von mir erwartet wird und was ich auch mache: Neue Impulse und Einblicke geben aufgrund meines unmittelbaren Erfahrungsschatzes als Vertreter dieser Generation. Geht es dann allerdings ans konkrete Umsetzen, sind andere am Zug.

Sie sind mit 20 ein gefragter Keynote-Speaker für internationale Unternehmen und haben eine Agentin, die Ihre Termine koordiniert. Was wollen Sie noch erreichen?

Ich habe ehrlich gesagt derzeit keinen Masterplan. Aber nachdem ich im letzten Jahr drei bis vier Tage die Woche unterwegs war, konzentriere ich mich jetzt erstmal auf mein Studium – Soziologie, Politik und Ökonomie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Ich möchte mich in bestimmte Themen mehr vertiefen und sehe dies als Fortbildung für meinen laufenden Beruf. (kri)


Zur Person:

*Philipp Riederle stammt aus dem schwäbischen Günzburg (D) und gründete als13-Jähriger das Video Podcast «Mein iPhone und ich», in dem er über neue Entwicklungen berichtete. Hinzu kamen weitere Projekte, wie etwa der Podcast «Mein iPad und ich». Das einstige Hobby ist inzwischen zu einer unternehmerischen Erfolgsbasis geworden: Der heute 20-jährige Student hat sein eigenes Unternehmen Phipz Media gegründet, dessen Schwerpunkt in der Konzeptionierung, Produktion und Multiplikation neuer Medien liegt. Darüber hinaus eröffnet der Jungunternehmer neue Perspektiven für den Umgang mit der Generation Y – und so zählen Markenkonzerne, Produktentwickler, Dienstleistungs- und produzierende Unternehmen ebenso zu seinem Kundenkreis wie Marketing- und Vertriebsagenturen.

Als «Generation Y» oder «Millennials» wird in der Soziologie diejenige Bevölkerungskohorte genannt, deren Mitglieder im Zeitraum von etwa 1990 bis 2010 zu den Teenagern zählten.

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