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«Die Hälfte aller Jobs findet sich über Beziehungen»

11.09.14


Was gilt es bei der Jobsuche in sozialen Netzwerken zu beachten? Robert Beer* ehemaliger Country-Manager Schweiz bei XING über nützliche berufliche Kontakte, frisierte Profile, und weshalb er nicht alle Kontaktanfragen annimmt.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Beer, wie haben Sie Ihre derzeitige Stelle gefunden?

Tatsächlich über XING. Ein Headhunter hatte mich darüber kontaktiert für eine Stelle in München. Den Job fand ich nicht so interessant, aber ich habe trotzdem Zeit investiert in ein Gespräch. Ein halbes Jahr später hat mich derselbe Headhunter dann auf die Stelle als Country-Manager Schweiz bei XING aufmerksam gemacht.

Ihre eigene Geschichte ist also stellvertretende für die heutige Art der Jobsuche?

Ja, stimmt. Die Hälfte aller Jobs findet sich nun mal über Beziehungen. Und dann braucht es natürlich auch noch Glück. Das Beziehungsnetzwerk ist für mich deshalb ein Transportkanal für relevante Informationen und glückliche Zufälle.

Sind die meisten XING-Nutzer auf Jobsuche?

Nein, aktiv sind es die wenigsten. Aber hinzu kommt noch ein nicht zu unterschätzender Teil, der latent auf der Suche ist – also Leute, die bei einer passenden Gelegenheit nicht nein sagen würden. Und das sind aus Arbeitgebersicht die eigentlich Interessanten.

Ein Job muss heute Sinn und Spass machen

Wie haben sich Arbeitssuchende verändert in den letzten Jahren?

Generell sind die Anforderungen an Arbeitgeber gestiegen: Die Online-Welt hat die Abläufe im Bewerbungsprozess beschleunigt, Rückantworten werden postwendend erwartet. Potentielle Arbeitnehmer sind dank Social Media besser informiert über den neuen Arbeitgeber, die Aufgabe dort und das Team. Gleichzeitig erwarten sie aber auch mehr: So muss ein Job Sinn und Spass machen, eine flexible Zeiteinteilung und Teamarbeit bieten – dies alles sind Dinge, die nicht nur die Generation Y heute erwartet, sondern auch ältere Arbeitnehmer.

Was kann man tun, um potentielle Arbeitgeber auf sich aufmerksam zu machen?

Bereits über 40 Prozent der Deutschschweizer nutzen XING zur Stellensuche. Um dort von spannenden Arbeitgebern angesprochen zu werden, braucht es vor allem ein interessantes Profil. Dazu gehört ein professionelles, sympathisches Foto, ein vollständiger Lebenslauf, und die Felder „ich suche“ und „ich biete“ sollten so spezifisch wie möglich ausgefüllt sein. Mit Begriffen wie „teamfähig“ und „zuverlässig“ beeindruckt man keine Arbeitgeber, das wird schlicht erwartet. Chronologische Lebensläufe sind zwar notwendiger Standard aber oft bedingt aussagekräftig. Viele Dinge kann man darin nicht ausdrücken, zudem handelt es sich um eine Vergangenheitssicht. Häufig zeigen sich Fähigkeiten denn auch nicht in Zertifikaten und Diplomen, sondern in Projekten, Präsentationen und Arbeitsproben. Abhilfe schafft hier im eigenen Profil der Bereich „Portfolio“, in dem multimedial aufgezeigt werden kann, was jemand schon alles gemacht hat.

Unwahrheiten fallen in einem sozialen Netzwerk schnell auf

Und wie kommt man an nützliche Kontakte?

Da hat jeder seine eigene Philosophie. Meine lautet: Ich vernetze mich nur mit Leuten, die ich persönlich kennen gelernt habe. Denn nur wer mich kennt, kann mir im Zweifelsfalle weiterhelfen. Nützliche Kontakte wiederum finde ich, indem ich mich einerseits mit Leuten, die ich kenne, vernetze. Aber auch, in dem ich Zeit investiere, also nicht nur passiv bleibe, sondern aktiv werde – auf einen interessanten Event zum Beispiel gehe, wo man spannende Leute trifft.

Lohnt es sich, beim Profil ein bisschen zu schummeln?

Überhaupt nicht. Obwohl das gerade bei Lebensläufen immer wieder gemacht wird. In einem sozialen Netzwerk aber lesen viele mit, Unwahrheiten fallen also schnell auf. Was der Einzelne hingegen darf, ist entscheiden, welche Infotiefe er preisgeben will. So kann man etwa bei der Zeitangabe über die Ausübung eines Jobs nur die Jahreszahlen angeben oder auch die Monate. Genauso kann man seinen Geburtstag im Profil für andere ersichtlich machen oder nicht.

Was sollte bei der Stellensuche im Internet unbedingt vermieden werden?

Oberflächlichkeiten. Dies gilt sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber. Weniger ist hier eindeutig mehr. Wer fokussiert und genau beschreibt, wonach er sucht, hat schneller Erfolg.

Latent Stellensuchende sind die Perlen, die es zu finden gilt

Nehmen wir die Perspektive eines Unternehmens ein: Wie schafft es ein solches mittels Social Media Recruiting, die richtigen Arbeitskräfte zu finden?

Für Firmen ist es überlebenswichtig, nicht die erstbesten sondern die bestmöglichen Arbeitskräfte zu finden. Da reichen klassische online und offline Stellenausschreibungen nicht aus. Denn laut Studien kommen auf jeden aktiv Stellensuchenden, wie bereits erwähnt, zwei latent Stellensuchende – also jemand, der auf Anfrage hin gerne eine Angebot prüft. Diese latent Stellensuchenden sind die Perlen in der Kandidatenlandschaft, die es zu finden gilt und die man zielgenau nur in Business Netzwerken erreicht. Bei XING zum Beispiel gibt es für Firmen eine spezielle Mitgliedschaft, den XING Talentmanager, der es ermöglicht, nach spezifischen Kriterien zu suchen und schnell geeignete Kandidaten zu finden. Auch das Employer Branding ist sehr wichtig, also die Darstellung der eigenen Arbeitgebermarke auf XING. Hierfür gibt es ebenfalls massgeschneiderte Lösungen. Daneben sollte ein Unternehmen in erster Linie authentisch rüber kommen und offen und ehrlich über die Firma und die Stelle berichten.

Im Frühjahr verärgerte XING seine Schweizer Premiumkunden durch eine saftige Preiserhöhung von zum Teil über 80 Prozent. Wie viele Austritte gab es seither?

Die Erhöhung – übrigens die erste in sieben Jahren – fiel ganz individuell aus: Je nachdem, was jemand zuvor für einen Preis bezahl hatte, bzw. wie lange er schon Mitglied war. Neu bezahlen somit alle Mitglieder gleich viel. Insgesamt haben wir seit unserer letzten Preiserhöhung heute viermal mehr Mitglieder im Netzwerk, welches dadurch viel wertvoller geworden ist. Es sind auch viele Funktionen neu dazu gekommen, auch die Premium-Partner wurden erst kürzlich aufgeschaltet. Für etwas mehr Geld, bekommt man also deutlich mehr geboten. Was Austritte angeht: Diese kommunizieren wir grundsätzlich nicht. Aber natürlich haben wir uns im Vorfeld überlegt, welche Reaktionen wir damit hervorrufen. Damals wie heute stehen wir zu der Entscheidung. Auch wenn jeder abgesprungene Kunde weh tut. Mit diversen Anreizen – etwa einer Partnerschaft mit der SBB – versuchen wir diese aber zurück zu gewinnen.

Lieber eine Plattform weniger nutzen, dafür aber konsequent

Gibt es in der Online-Welt noch eine Grenze zwischen beruflichem und privatem Netzwerk?

Ja, die gibt es absolut. Sie liegt im privaten Ermessen jedes Einzelnen. In der Schweiz zumindest trennen die meisten Leute bisher klar, in den UK und USA hingegen nicht so sehr. Generell unterscheiden ältere Menschen eher zwischen beruflichem und privatem Netzwerk als jüngere. Ich selbst würde immer zum Trennen raten. Denn will man in seinem Netzwerk erfolgreich sein, muss man dort Infos teilen. Hat man jedoch ein wild zusammen gestelltes Netzwerk, geht die Relevanz verloren, und man informiert Leute mit Dingen, die sie gar nicht interessieren. Dabei ist nichts so wichtig wie eine klare Message.

Wie pflegt man seine Online-Reputation?

Das ist relativ einfach: Unterstützen Sie Ihr Netzwerk. Teilen Sie Posts, geben Sie Feedback, vernetzen Sie Leute in Ihrem Netzwerk, die zueinander passen könnten. Damit schaffen Sie viel Goodwill. Und vor allem: Nutzen Sie lieber eine Plattform weniger – die wenigen dafür aber konsequent und in hoher Qualität. Denn so wie von Firmen, erwarten wir auch von Menschen in unserem Netzwerk schnelle und konkrete Antworten auf Anfragen.

Wie reagieren Sie auf Kontaktanfragen, die Sie nicht annehmen wollen?

Schickt mir jemand, den ich nicht kenne, eine Anfrage ohne Text, lösche ich diese einfach. Steht ein Text mit Begründung dabei, schreibe ich zurück, dass ich prinzipiell jemanden erst kennen lernen will, bevor ich mich vernetze. Das verstehen die meisten.


Zur Person:

*Robert Beer ist ehemaliger Country-Manager Schweiz bei XING. Zudem hatte er Lehraufträge als Dozent für Soziale Medien an verschiedenen Hochschulen in der Schweiz, unter anderem am IKF, an der Hochschule für Wirtschaft, der Somexcloud Social Media Akademie sowie am Swiss Marketing Institute.

XING ist ein soziales Netzwerk für berufliche Kontakte. Über 14 Millionen Mitglieder nutzen die Internet-Plattform weltweit für Geschäft, Job und Karriere, davon 7,4 Millionen im deutschsprachigen Raum. Betreiber der Plattform ist die XING AG. Das Unternehmen wurde 2003 in Hamburg gegründet (damals noch unter dem Namen OpenBC) und ist seit 2006 börsennotiert. www.xing.com
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