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«Gewisse pädagogische Gespräche werden erst durch Social Media möglich»

10.07.14


Der Lehrer und Social Media-Experte Philippe Wampfler* erklärt, weshalb Facebook für Schüler an Reiz verliert, warum der permanente Zugang zum Internet auch als Kontrollverlust erlebt werden kann, und weshalb es für Jugendliche noch nie so wichtig war, gut schreiben zu können.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Wampfler, inwiefern haben sich Schüler heute im Vergleich zu Ihrer eigenen Schulzeit verändert?

Sie sind in ihrem Auftreten heute selbstsicherer und kompetenter. Jugendliche haben zum Beispiel keine Mühe, vor die Klasse zu treten und ein Thema zu präsentieren. Weniger gut können sie hingegen formale Texte schreiben. Eine Konstante jedoch ist, dass für Schülerinnen und Schüler das soziale Umfeld sehr wichtig ist. Dies hat sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert.

Welche Rolle spielt dabei die digitale Kommunikation?

Sie löst andere Kommunikationsformen ab – etwa das Telefonieren oder Briefe schreiben. Mit Hilfe von Social Media ist es ausserdem möglich, in einer Art Halböffentlichkeit Leute zu sehen und gesehen zu werden. Instagram zum Beispiel funktioniert ähnlich wie ein Besuch im Shoppingcenter am Samstagnachmittag: Man trifft Leute, die man kennt und lernt vielleicht neue kennen.

Inwiefern haben sich Schulalltag und Unterricht durch den permanenten Zugang zum Netz verändert?

Generell hat sich die Schule daran noch nicht gewöhnt. Das wird zum Beispiel an analogen Prüfungsaufgaben deutlich: Wie reagiert man etwa darauf, dass Schüler via Handy online gehen und sich die Lösungen im Netz suchen? Dies führt zu grossen Verunsicherungen bei Lehrpersonen. Kommunikationsprozesse laufen ausserdem heute sehr schnell ab. An einem Tag einige Schüler informieren und am nächsten den Tag den Rest, funktioniert nicht mehr. Dinge sprechen sich sofort herum; die Kommunikationserfahrungen, die wir vor 20 Jahren gesammelt haben, gelten nicht mehr. Zudem verselbstständigen sich technische Entwicklungen im Kommunikationsbereich unheimlich rasch: So haben die meisten Schweizer Schulen in den letzten zehn Jahren zwar ein E-mail-System eingeführt; doch heute müssen wir feststellen, dass wir viele Schüler auf diesem Weg gar nicht mehr erreichen, weil diese mittlerweile mehr auf WhatsApp unterwegs sind.

Wer kein Smartphone hat, ist von vielen sozialen Kontexten ausgeschlossen

Und die Schule hinkt da hinterher?

Ja, aber das hat natürlich auch mit den Datenschutzvorgaben zu tun, die sie berücksichtigen muss. Die meisten Schulen verfügen zwar über ein Intranet, welches faktisch jedoch wenig genutzt wird, weil Schüler sich lieber Lösungen bedienen, die sie privat nutzen. Statt also im Intranet eine Kommunikationsgruppe zu gründen, erstellen sie eher eine Gruppe auf Facebook. Für mich das wichtigste Thema jedoch ist, dass man mit Schülern darüber spricht, was sie im Netz tun.

Sie meinen, Jugendliche zu sensibilisieren, wie Sie im Internet mit persönlichen Daten umgehen?

Genau. Oder auch thematisieren, welchen Druck digitale Kommunikation generell erzeugen kann: Wer von den Unter-15-Jährigen kein WhatsApp nutzen will oder kein Smartphone hat, ist schliesslich von vielen sozialen Kontexten ausgeschlossen. Auch die Frage des Präsentierens sollte man ansprechen: Auf den Körper bezogen, ist es bei jungen Männern zum Beispiel gerade ein grosses Thema, in den Kraftraum zu gehen, und den Muskelaufbau auf Instagram zu dokumentieren. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig Schülern zu zeigen, dass digitale Kommunikation kein Spielzeug ist, sondern sich auch professionell nutzen lässt – zum Beispiel, in dem man mit Experten in Kontakt tritt, die etwa Bücher geschrieben haben und ebenfalls in sozialen Netzwerken vertreten sind.

WhatsApp-Nachrichten dem Lehrer schicken

Nutzen Sie im Umgang mit Ihren Schülern auch Social Media?

Vor einem Jahr habe ich angefangen, WhatsApp mit Klassen zu nutzen – allerdings nur für Administratives. Also zum Beispiel um abzuklären, welches Buch die Schüler mitbringen müssen oder wie sie ein Formular ausfüllen sollen. Der Vorteil ist: Stellt ein Schüler per WhatsApp eine Frage, sehen in der betreffenden Gruppe alle die Antwort. Dies funktioniert ganz gut. Man muss aber zu Beginn einige Randbedingungen mit den Jugendlichen festlegen. Also zum Beispiel klären, dass WhatsApp kein Kanal ist, auf dem Schüler mir morgens um halb sieben schnell mitteilen, dass sie einen Vortrag nicht halten können.

Dies setzt natürlich voraus, dass jeder Ihrer Schüler ein Smartphone hat.

Das stimmt natürlich. Aber das haben sie ab einem gewissen Alter sowieso alle.

Wenn Sie Ihre Schüler anschauen: Überwiegen die positiven Nebeneffekte des ständigen online seins? Oder doch eher die negativen?

Das hält sich die Waage, würde ich sagen. Für Jugendlichen, die der Norm entsprechen, macht es keinen Unterschied. Für sie ist es einfach eine weitere Kommunikationsmöglichkeit. Diejenigen hingegen, die labiler sind, können es leicht als Kontrollverlust erleben: Die Tatsache etwa, dass jederzeit Fotos von einem gemacht werden können, die dann irgendwo geposted werden, worüber sich Leute wiederum vielleicht lustig machen. Ausserdem ist das Ganze natürlich auch eine Frage der Ablenkung: Die ständige Verfügbarkeit des Internets ist gut, um etwas nachzuschlagen oder um die richtige Aussprache von Vokabeln anzuhören. Gleichzeitig lenken jedoch die vielen Nachrichten, die ständig auf den verschiedensten Kanälen eintreffen, stark ab und erschweren es, sich vertieft mit Themen zu beschäftigen.

Echte Treffen degradieren zu einem Abklatsch

Hat die digitale Kommunikation auch die Beziehungen zwischen den Jugendlichen verändert?

Spricht man mit älteren Schülern, haben diese häufig eine Distanz zu Sozialen Netzwerken eingenommen. Ihnen ist zum Beispiel bewusst, dass bei Freundschaften im Netz die kommunikative Verantwortung geändert hat: Wurde früher nämlich bei realen Treffen erstmal erzählt, was es Neues gibt, geht es heute dabei eher um das Nacherzählen von Dingen, die sowieso schon alle zuvor auf Social Media Plattformen gelesen haben. Echte Treffen degradieren somit zu einem Abklatsch. Wer bereits Erfahrung hat mit diesen Mechanismen, zieht sich deshalb eher davon zurück. Generell sind Beziehungen unter Jugendlichen ausserdem enorm schriftlich geworden. Gut schreiben zu können, war noch nie so wichtig wie heute: Statt nach dem Kennenlernen miteinander zu sprechen, schreibt man heute oft zunächst miteinander – erst dann erfolgt das Treffen. Die Kompetenzen oder auch das, was einen attraktiv macht, haben sich also stark gewandelt.

Von welchen Social Media Anwendungen sprechen Sie dabei? Und wie alt sind die erwähnten Jugendlichen?

WhatsApp und Instagram sind Standard bei den Schülern. Ab der vierten Klasse, also so ab 10 Jahren, sollte man mit ihnen über digitale Kommunikation sprechen, denn ab 13 Jahren sind Jugendliche recht flächendeckend mit Smartphones ausgerüstet. Vor und nach der Pubertät sind die Schüler am meisten daran interessiert, weil die Technologie ihnen soziale Kontakte ermöglicht. Sobald die Findungsphase allerdings vorbei ist, sie einen Freundeskreis und einen eigenen Stil entwickelt haben, ist Social Media nicht mehr so wichtig. Dies ist in der Regel mit 18 Jahren der Fall. Generell nutzen Extrovertierte Social Media sehr stark, präsentieren sich dort, diskutieren und suchen Kontakte. Während Introvertierte dem weniger zugetan sind. Sie nutzen Social Media eher wie einen Telefonbucheintrag: Haben also ein Profil, um gefunden werden zu können, sind aber weiter nicht aktiv.

Wenn Jugendliche auf Facebook mit ihren Eltern befreundet sein müssen

Sie erwähnen immer wieder WhatsApp und Instagram – wie verhält es sich aber mit Facebook?

Dort haben viele Jugendliche zwar noch ein Profil, doch für die meisten ist dieses soziale Netzwerk nicht mit Emotionen verbunden. Was daran liegt, dass Facebook zunehmend von Erwachsenen genutzt wird: So wissen Eltern heute darüber gut Bescheid oder haben selbst ein Profil dort. Was wiederum dazu führt, dass Jugendliche mit ihren Eltern auf Facebook befreundet sein müssen oder von Lehrepersonen, die dort ebenfalls vertreten sind, kritisiert werden für ihren offenherzigen Umgang mit Daten. Schüler ziehen sich deshalb mehr und mehr davon zurück. Bei WhatsApp wiederum muss man zu einer Gruppe erst eingeladen werden; und bei Instagram läuft vieles unter Pseudonym und das Profil des Einzelnen ist nicht so einfach zu finden. Deshalb sind diese sozialen Netzwerke für Jugendliche mittlerweile interessanter als Facebook.

Sind Sie mit Ihren Schülern auf Facebook befreundet?

Ich nutze Facebook halb professionell, halb zu Unterhaltungszwecken, benutze es aber nicht für private Kommunikation. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, wenn mich ein Schüler hier kontaktiert. Lehrer hingegen, die dort ihre Ferienfotos einstellen, wollen das natürlich nicht.

Gab es schon mal eine Situation, in der Sie froh waren, als Lehrer auf Social Media zurückgreifen zu können?

Ja, denn gewisse pädagogische Gespräche werden erst durch Social Media möglich. Im Bereich von Essstörungen etwa fällt es Schülern leichter, vor dem Compi zu sitzen und darüber zu schreiben als zu reden. Die scheinbare Anonymität verleitet Schüler Dinge zu erzählen, die sie sonst nicht preisgeben würden. Ich persönlich habe diese Erfahrung schon mit SMS gemacht: In einer meiner Unterrichtsstunden hatte eine Gruppe cooler Jungs nur gestört. Hinterher meldeten sich dann ein paar der Beteiligten bei mir per SMS und entschuldigten sich – es tue ihnen leid, aber sie hätten wegen des Gruppenzwangs mitmachen müssen. Digitale Kommunikation ist hier Chance und Risiko zugleich: Chance, weil man Dinge erfährt, die einem sonst verborgen bleiben würden. Risiko, weil das Ganze nicht professionell ist und zudem eine Nähe hergestellt wird, die schwierig sein kann. (kri)


Zur Person:

*Philippe Wampfler ist Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Wettingen, ausserdem Kulturwissenschaftler und Experte für Lernen mit neuen Medien. Im September erscheint sein Buch «Generation Social Media: Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert».

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