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«Gute Werbung muss polarisieren und differenzieren»

20.03.14


Das Arbeitsvermittlungsportal «Rent a Rentner» bewirbt seine Senioren mit der Bezeichnung «alte Säcke» und «alte Schachteln». Gerade ist die Werbeanstalt Schweiz AG dafür mit der Marketing Trophy 2014 ausgezeichnet worden. Reto Dürrenberger* über Reaktionen und die Idee dahinter.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Dürrenberger, das Markenzeichen von «Rent a Rentner» ist die sehr saloppe Ansprache, mit der Senioren auf der Plattform für Arbeitseinsätze angepriesen werden. Auch die Werbekampagne ist in dieser Tonalität gehalten.

Ja, und zwar ganz bewusst. Ein 65-Jähriger ist heute schliesslich nicht mehr so alt wie ein 65-Jähriger vor 25 Jahren. Damals wäre jemand in diesem Alter auf dem Abstellgleis gewesen. Heute hingegen steht er mitten im Leben, ist fit und agil und möchten nicht von Altersplattformen angesprochen werden, die einen noch älter machen als man eh schon ist.

Haben Sie keine Angst, mit dieser flapsigen Art potentielle Kunden zu vergraulen?

Es ist uns bewusst, dass dies passieren kann. Aber Werbung können Sie nie für alle machen. Ausserdem muss gute Werbung polarisieren und differenzieren. Unter dem Strich haben wir mehr Kunden gewonnen als vergrault; von daher geht die Rechnung auf.

Wie sind denn die Reaktionen? Keine Beschwerden, dass Senioren auf diese Weise lächerlich gemacht oder despektierlich behandelt werden?

Bei Umfragen unter unseren Mitgliedern bewerten dies 85 bis 90 Prozent mit «super». Diese identifizieren sich voll damit, signieren zum Beispiel ihre E-Mails sogar mit «liebe Grüsse, euer alter Sack». Dann kommen diejenigen, die mit dieser Ansprache leben können. Und dann gibt es natürlich auch noch welche, die sich daran stören. Aber die sollen dann eben zum Altenturnen von Pro Senectute oder so gehen. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass wir gerade wegen diesem Kommunikationsstil mit „Rent a Rentner“ so erfolgreich sind.

Nachahmerplattform in Deutschland

Mittlerweile gibt es in Deutschland eine Nachahmerplattform – unter selben Namen aber mit ernsthafter Ansprache.

Ja, die haben die Geschäftsidee bewusst kopiert. Das wissen wir, aber das ist schon okay. Auf Facebook haben wir über 10‘000 Likes, die Hälfte davon aus Deutschland. Und immer wieder werden wir gefragt: Wann gibt es euch endlich auch in Deutschland? Das beweist uns, dass die Tonalität für die Zielgruppe wichtig ist.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Arbeitsvermittlungsportal für Rentner zu lancieren?

Nach seiner Pensionierung suchte der Vater von Sarah Hiltebrand, Mitinhaberin der Agentur, eine neue Aufgabe. Wir drei setzten uns zum Brainstorming zusammen. Und heraus kam diese Idee. Zuerst erstellten wir nur eine Website – für uns in erster Linie eine Spielwiese, auf der wir Dinge ausprobieren konnten, ohne einen ängstlichen Kunden im Nacken zu haben. Und auf einmal stellte sich der Erfolg ein. Daraufhin professionalisierten wir die Plattform und machten letztes Jahr ein richtiges Portal daraus, mit zum Teil auch kostenpflichtigen Angeboten.

Zielgruppe Pensionäre und Internet – geht das zusammen?

Das geht sogar sehr gut zusammen. Mittlerweile zumindest. Als wir 2009 mit unserer Website starteten, bekamen wir noch viele Telefonanrufe von Interessierten, die nicht verstanden, wie sie sich auf der Seite registrieren sollten. Heute hat sich das gewaltig geändert. Unsere Zielgruppe ist sehr onlineaffin geworden. Stelle ich einen Link mit einer Umfrage ins Netz, habe ich nach fünf Minuten schon 50 Rückmeldungen.

Werden Sie sich – wenn die Zeit dafür gekommen ist – auf «Rent a Rentner» ebenfalls als «alten Sack» anpreisen lassen?

Das ist zwar noch ziemlich lange hin – aber natürlich.


Zur Person:

*Reto Dürrenberger ist Partner und Geschäftsführer der Werbeanstalt Schweiz AG, die das Arbeitsvermittlungsportal «Rent a Rentner» lanciert hat. Dort können sich Senioren registrieren und mieten lassen – von Büroarbeiten und Computerdienstleistungen bis hin zu Lebensberatung oder landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Neu kann man diese auch noch adoptieren – als Ersatz-Grosspapi oder-Grossmami.
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