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«Die Hälfte aller Schweizer Unternehmen sind digitale Dinosaurier»

15.08.16


Die digitale Transformation betrifft Unternehmen aller Branchen und Grössen. Firmen müssen sich deshalb ihrem permanent wandelnden Umfeld anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben, sagt Martin Regli*, Managing Partner bei passion4IT. Sind Schweizer Unternehmen dafür gerüstet?



Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Regli, für 52 Prozent der Schweizer Unternehmen wird die digitale Transformation bis 2017 erfolgskritisch, ist auf Ihrer Website zu lesen. Weshalb ist dies so?

Es ist eine Tatsache, dass die Digitalisierung stattfindet – mit oder ohne uns. Dagegen können wir uns nicht wehren. Die einzige Frage lautet: Zieht Ihr Unternehmen mit und bleibt so wettbewerbsfähig, oder überlassen Sie das Feld der Konkurrenz?

Wie zeigt sich die Digitalisierung?

Nehmen wir zum Beispiel Uber. Das heute grösste Taxiunternehmen besitzt kein einziges Auto, sondern ist eine Softwarefirma. Oder Airbnb: Der grössten Unterkunftsfirma gehört kein einziges Hotel, sondern ist ebenfalls eine Softwarefirma. Beide kannibalisieren traditionelle Unternehmen – wer hat dies vor drei Jahren kommen sehen?

«Digitale Transformation» bedeutet also, dass sich Unternehmen ihrem permanent wandelnden Umfeld anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Genau. Viele Unternehmen denken bei «Digitalisierung» lediglich an die Implementierung neuer Technologien. Das greift jedoch zu kurz. Die Transformation und Weiterentwicklung der Kundenbeziehung ist mindestens ebenso wichtig. Oder die Optimierung von Unternehmensprozessen. Auch Geschäftsmodelle zu verbessern, gehört dazu. Kurz: Digitalisierung muss ganzheitlich gedacht und umgesetzt werden. Die Strategie des Unternehmens steht dabei im Fokus.

Unternehmen dürfen es nicht verpassen, sich als moderne Arbeitgeber zu positionieren

Wen betrifft die Digitalisierung?

Die digitale Transformation betrifft Unternehmen aller Branchen und Grössen. Technologien sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken; sie haben unser Informations- und Kommunikationsverhalten verändert. Der Kunde ist heute vernetzt, mobil, vergleicht Angebote online und ist vor allem nicht mehr so loyal. Er erwartet einen hervorragenden, schnellen Service. Notfalls auch bei der Konkurrenz. Gleichzeitig dürfen es Unternehmen nicht verpassen, sich als moderne Arbeitgeber zu positionieren – sonst können sie Mitarbeiter nicht für sich gewinnen. Während meine Generation sich vor dem Antritt einer neue Stelle erkundigt hat, ob der Arbeitgeber die Unfallversicherung übernimmt, wollen Mitarbeiter heute wissen, ob sie von zu Hause aus arbeiten und ihr Arbeitsgerät selbst mitbringen dürfen.

Wie müssen sich Unternehmen also konkret transformieren?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Ein Aspekt kann zum Beispiel die Weiterentwicklung der Kundenbeziehung sein, verbunden mit der Frage: Wir kommunizieren wir mit unseren Kunden? Was erwarten diese von uns? Sollte ein Restaurant oder Handwerksbetrieb etwa den Service anbieten, Termine auf der Website zu vereinbaren oder reicht es, wenn Kunden dafür nach wie vor anrufen müssen?

Die meisten Schweizer Unternehmen haben die Gefahr noch nicht erkannt

Sie beraten Firmen in diesen Fragen. Wie ist Ihr Eindruck: Haben die meisten die Wichtigkeit der digitalen Transformation erkannt?

Das Bewusstsein dafür wird langsam grösser. Dennoch ist die Hälfte aller Schweizer Unternehmen heute noch digitale Dinosaurier, die die damit verbundene Chance aber auch Gefahr noch nicht erkannt hat. Oft ist die Führungsetage dabei das Problem: Führt der Verwaltungsrat das Thema nicht auf der Agenda, bringt es nichts, wenn es in einzelnen Abteilungen bereits gute Ansätze gibt.

Was ist der Mindeststandard an Digitalisierung, den ein Unternehmen heute vorweisen muss?

Das hängt vom Firmenmodell ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Gerade wegen der neuen Kundengeneration und ihrer hohen Erwartungen sollte beispielsweise ein automatisiertes Customer-Relationship-Management-System, ein CRM, Standard sein. Ein System also, mit dem die Kundendaten verwaltet werden. In vielen Firmen ist dies aber noch nicht der Fall.

Wie lauten Ihre konkreten Handlungsempfehlungen für Unternehmen?

Digitalisierung muss in erster Linie Chefsache sein und sollte als grosses Ganzes gesehen werden. Ausserdem gilt es, Mitarbeiter zu befähigen – ihnen etwa die Chance einzuräumen, mobil zu arbeiten aber auch, sie in die Erarbeitung der digitalen Strategie eng mit einzubinden. Generell sollte man sich bewusst sein: Die digitale Transformation ist ein langfristiger Prozess, den wir nicht heute beginnen und morgen abschliessen. Angesichts des rasanten Wandels in allen Bereichen werden wir auch in Zukunft damit beschäftigt sein und einen konstanten Transformationsprozess etablieren müssen.


Zur Person

*Martin Regli ist Managing Partner bei der passion4IT GmbH – ein Beratungsunternehmen für digitale Strategien und Projekte. Regli blickt auf über 20 Jahre Erfahrung im nationalen und internationalen ICT-Markt zurück. Angefangen bei ABB, wo er als Projektleiter verschiedene internationale ICT-Projekte begleitete, führte sein Weg zu Compaq und Hewlett-Packard, wo er während zwölf Jahren in diversen führenden Management-Positionen in der Schweiz sowie in Europa, im mittleren Osten und in Afrika tätig war. 2009 kam der Wechsel zu redIT. Dort verantwortete er als CEO die strategische und operative Führung der Systemintegratoren. Anschliessend folgten Stationen beim ERP-Entwicklungshaus Sage sowie bei Swisscom IT Services, wo er das neue Geschäftsfelde Infrastructure Services aufbaute.

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