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«Wie soll ich jemandem vertrauen, den ich nicht kenne?»

12.08.18


76 Prozent der Angestellten in der Schweiz machen Dienst nach Vorschrift, zitiert Antoinette Weibel* eine Studie. Die Professorin forscht an der Universität St. Gallen über Vertrauen und Motivation im Personalmanagement. Weshalb Vertrauen als Teil der Kommunikation und Führung essenziell ist für eine gute Unternehmenskultur.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Frau Weibel, weshalb ist Vertrauen in Unternehmen so wichtig?

Aus der Forschung wissen wir, dass sich Vertrauen positiv auf das Team- und die Mitarbeiterproduktivität auswirkt. In Zukunft werden Unternehmen vermehrt Mitarbeitende suchen, die mitdenken oder sogar umdenken. Leute also, die sich aktiv beteiligen, die aufmerksam sind, Fehler besprechen und die Qualität verbessern möchten. Dies funktioniert jedoch nicht, wenn Mitarbeitende das Gefühl haben: Wenn ich etwas sage, wird mir der Kopf abgerissen.

Welche Unternehmen setzen sich bereits mit Vertrauensmanagement auseinander?

Alle, schliesslich gibt es kaum ein Unternehmen, das sich nicht an agilen Strukturen versucht. Allerdings ist es bis zum Vertrauensmanagement ein weiter Weg, denn wir sind eher eine Gefolgschaft gewohnt als selbst denkende Mitarbeitende. Führungskräfte müssen verstehen, dass sie Freiräume gewähren und Andersartigkeiten ins Unternehmen hereinlassen. Es geht darum, sich auf andere einzulassen und sie auch mal machen zu lassen.

Öffne ich mich als Chefin? Frage ich jemanden um Rat?

Wie misst man Vertrauen?

In der Forschung stellen wir uns die Frage: Wie entspricht jemand meinen Erwartungen? Gleichzeitig dürfen andere Personen mein Vertrauen nicht verletzen. Diese müssen mein Vertrauen erfüllen wollen, indem sie etwa integer sind und sich um andere kümmern.

Was lässt mich als Chefin vertrauenswürdig wirken?

Zum Teil braucht es gewisse Handlungen: Öffne ich mich? Traue ich mich, mir auch mal eine Blösse zu geben? Frage ich jemanden um Rat? Wie schon erwähnt, ist die Gegenseitigkeit ebenfalls zentral: Finde ich jemanden, der vertrauenswürdig ist? Wage ich es, demjenigen zu vertrauen? Es braucht also immer zwei Seiten dazu; das macht die Sache mit dem Vertrauen so anspruchsvoll.

Wie baut man Vertrauen überhaupt auf?

Durch Zuverlässigkeit; wenn ich etwa Versprechen einhalte und mich um das Anliegen meines Gegenübers kümmere. Aber auch wenn ich über Expertise verfüge, jedoch nicht darauf beharre. Wenn ich Respekt schenke, indem ich anderen auf Augenhöhe begegne, und Interesse an jemandem entwickle. Und wenn ich mir Zeit nehme, nicht drei Dinge auf einmal tue, sondern das Handy weglege und wirklich zuhöre.

Der Hauptgrund, weshalb Leute das Unternehmen wechseln, ist der Chef

Tun das die Chefs, die Sie kennengelernt haben?

Ja, selbstverständlich! Nicht alle, aber viele. Zu sagen: «Die Chefs machen das nicht», wäre zu einfach. Auch wenn wir aus Untersuchungen wissen: Der Hauptgrund, weshalb Leute das Unternehmen wechseln, ist nach wie vor der Chef.

Woran liegt dies?

In den 90er-Jahren wurde im mittleren Management massiv gespart, was grosse Leitungsspannen zur Folge hatte. Deshalb bleibt bis heute zu wenig Zeit, um auf einzelne Mitarbeitende einzugehen. Die Digitalisierung wiederum lässt Aufgaben immer komplexer werden, wodurch ebenfalls wenig Zeit bleibt. Früher, als ich Praktikantin war, trafen sich alle zur gemeinsamen Kaffeepause. Heute hat dafür niemand mehr Zeit. Aber wie soll ich jemandem vertrauen, den ich nicht kenne? Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen in Vertrauen investieren.

Wie schätzen Sie die Situation in Schweizer Unternehmen ein, welcher Stellenwert wird dort dem Vertrauen eingeräumt?

Gemäss dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup machen 76 Prozent der Angestellten in der Schweiz Dienst nach Vorschrift. Die Schweizer Gesundheitsförderung wiederum hat untersucht, wie viele Ressourcen – im Sinne von Vertrauen und Unterstützung – Mitarbeitende (noch) übrig haben, um den Belastungen gerecht zu werden. 25 Prozent der Befragten befinden sich hier im roten Bereich, 46 Prozent im gelben, sind also kurz vor dem Kippen. Sprich: Diese Zahlen rufen nach dringenden Verbesserungen. Aber es gibt auch Hoffnung.

Die Schweiz ist ein Vertrauensland, während Deutschland zu den Misstrauensländern zählt

Inwiefern?

Die Schweiz gehört immer noch zu den sogenannten Vertrauensländern, während Deutschland bereits ein Misstrauensland ist. Dies zeigt der World Value Survey, der die Werteeinstellung in den unterschiedlichsten Ländern untersucht. Dabei nimmt dieser unter die Lupe, wie es generell um das Vertrauen bestellt ist, das Menschen etwa Fremden oder Handwerkern entgegenbringen. Auch individuelle Erfahrungen mit Behörden fliessen hier ein. Die Globe-Studie wiederum untersucht Zusammenhänge zwischen nationaler Kultur, Unternehmenskultur und bevorzugten Führungstechniken und -stilen. Sie zeigt, dass in der Deutschschweiz die psychische Distanz zur nächsthöheren Führungsebene sehr gering ist – während diese in Deutschland bedeutend grösser ist. Man begegnet sich also mehr auf Augenhöhe in der Schweiz. Das macht Hoffnung.

Welchen zentralen Fragen müssen sich Unternehmen in Zukunft stellen?

Wie schaffen wir es, dass Führungskräfte mehr Mut finden, Vertrauen zu schenken? Dieser Ansatz wurde lange vernachlässigt; stattdessen stand die letzten Jahre die Frage im Fokus: Was muss ich konkret tun, damit mir die Mitarbeitenden vertrauen? Dies jedoch geht eher in Richtung PR. Heute aber lautet das Thema: Mut haben! Dies ist für alle Unternehmen wichtig – auch für diejenigen, die glauben, bereits agil zu sein. Denn früher oder später werden sie merken: So einfach ist das nicht.


Zur Person

*Prof. Dr. Antoinette Weibel studierte Ökonomie mit den Schwerpunkten Unternehmensführung und -politik, Organisation und Public Choice an der Universität Zürich. 2008 habilitierte sie im Bereich Freiwilliges Arbeitsengagement. Seit 2014 ist sie Inhaberin des Lehrstuhls für Personalmanagement an der Universität St. Gallen und Direktorin des Forschungsinstituts für Arbeit und Arbeitswelten an der gleichen Universität. Schwerpunkte ihrer Forschungen sind Vertrauen und Motivation im Personalmanagement.