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«Früher wurde gerne vom Sonnenbrand berichtet»

05.09.18


Die Ansichtskarte: Heiko Hausendorf* hat wissenschaftlich analysiert, wie sich der Gruss aus den Ferien im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Dafür untersuchte er über 12 000 Postkarten. Weshalb das Kommunikationsmedium aller elektronischer Alternativen zum Trotz nicht vom Aussterben bedroht ist.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Hausendorf, wann haben Sie Ihre letzte Ansichtskarte aus den Ferien geschrieben?
Vor wenigen Wochen erst, wir waren auf einer längeren Finnland-Reise. Seit ich mich arbeitstechnisch mit Ansichtskarten beschäftige, macht es mir noch mehr Spass, welche zu schreiben. Gleichzeitig fühle ich mich auch ein wenig verpflichtet – immerhin ist es mein Forschungsgebiet.

Weshalb ist das Kommunikationsmittel Ferienpostkarte interessant für die Forschung?
Zum einen ist es ein erstaunlich wenig untersuchtes Medium. Zum anderen handelt es sich um eine Textsorte des Alltags. Obwohl wir diese nicht in der Schule lernen, beherrschen wir sie irgendwann. Ausserdem bietet die Ansichtskarte heute eine der sehr selten gewordenen Gelegenheiten für Handschriftlichkeit, es jedoch gut zu planen gilt, schliesslich ist der Platz für Text beschränkt – dies zeigt sich, wenn gegen Ende des Postkartengrusses die Schrift immer kleiner wird oder alle Ränder vollgeschrieben sind.

Wie viele geschriebene Ansichtskarten haben Sie untersucht?
Über 12 000, und zwar von 1900 bis in die 2000er-Jahre. Alles begann mit meiner Antrittsvorlesung vor etwas mehr als zehn Jahren an der Uni Zürich, für die ich mir das Thema Ansichtskarten ausgesucht hatte. Es herrschte Sommerloch, der Tages-Anzeiger wurde aufmerksam und brachte ein Interview mit mir, an dessen Ende ich sagte: «Wer Ansichtskarten zu Hause hat, die er nicht braucht, kann mir diese gerne zukommen lassen.» Was danach passierte, war unglaublich. Bis heute schicken Leute ihre Karten. Irgendwann fühlte ich mich auch moralisch verpflichtet, mit dem ganzen Material etwas zu machen.

Ein riesiger Tisch voller Kartenstapel

Deshalb läuft nun seit 2,5 Jahren das Forschungsprojekt?
Genau. Sie müssen sich einen riesigen Tisch voller Kartenstapel vorstellen, die wir alle elektronisch erfasst und in eine html-Textbasis überführt haben, sodass automatisierte Abfragen möglich sind. Die heutige Form der Ansichtskarte – vorne ein Bild, hinten eine geteilte Rückseite für Text und Adresse – gibt es erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Im späten 19. Jahrhundert verschickten Menschen zwar auch schon Postkarten, schrieben ihre Grüsse aber direkt auf das Bild.

Was lässt sich anhand von Ansichtskarten aus den letzten 100 Jahren zeigen?
Zum Beispiel, wie sich die Idee von Urlaub verändert hat. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Verreisen etwas Abenteuerliches, war jedenfalls keineswegs selbstverständlich. Erst in den 30er- und 40er-Jahren kam mehr und mehr die Idee auf, den Urlaubsort auf Ansichtskarten zu beschreiben. Mit dem beginnenden Massentourismus in der Nachkriegszeit wurde es dann immer üblicher, den Ferienort auf der Karte primär zu bewerten.

Bis in die 60er-Jahre dominierten Formeln auf Postkarten

Was hat sich inhaltlich verändert?
Früher wurde gerne vom Sonnenbrand berichtet, den man sich zugezogen hatte – als Zeichen für richtig gute Ferien. So etwas schreibt heute niemand mehr. Musse haben, «die Seele baumeln lassen», sind mittlerweile Kriterien für einen gelungenen Urlaub – was sich auch auf den Postkarten niederschlägt. Bis in die 60er-Jahre dominierte eine gewisse Formelhaftigkeit, eine Art stillschweigende Übereinkunft über die inhaltlich mitzuteilenden Punkte. Dazu gehörten Wetter, Unterhaltung, Aktivitäten sowie in den Ferien getroffene Freunde oder Bekannte. Seit den 90er-Jahren jedoch gibt es inhaltlich mehr Flexibilität.

Inwiefern?
Ansichtskartenschreibende versuchen seither oft, originell zu sein und vom Muster abzuweichen. Auch die Idee von Urlaub hat sich verändert, die Orte, an die man reist, die Einstellung zum Massentourismus. Heute möchten viele am liebsten dorthin fahren, wo noch niemand vorher gewesen ist. Im Zeitalter elektronischer Alternativen wird auch gerne mal thematisiert: «Endlich schreibe ich mal wieder eine richtige Ansichtskarte.»

Warum verschicken Leute in Zeiten von WhatsApp überhaupt noch Karten?
Aus Lust an der Exotik, an der Nostalgie. In der Mediengeschichte ist es ja oft so: Taucht ein neues Medium auf, das ein anderes ablöst, wird das alte nach einer gewissen Zeit erneut interessant. Wie zum Beispiel LP, die heute wieder sehr beliebt sind.

Höhere Wertigkeit: Die Ansichtskarte wird heute viel mehr geschätzt

Sie haben also keine Angst, dass die Ansichtskarte über kurz oder lang ausstirbt?
Nein. Natürlich werden nicht mehr so viele Karten geschrieben wie in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren. Aber insgesamt ist der Rückgang nicht so dramatisch. Heute werden Postkarten gerade in ihrer Materialität viel mehr geschätzt, haben eine höhere Wertigkeit. Der Empfänger weiss um den Aufwand, den der Schreibende betrieben hat. Schnell zwei Zeilen auf dem Smartphone tippen und noch ein Foto dazu versenden, kann jeder. Eine Karte zu schreiben, zeugt hingegen von echter Wertschätzung. Und dann gibt es ja auch neue Entwicklungen wie etwa Postcrossing.

Das müssen Sie genauer erklären.
Über die Website postcrossing.com schicken sich Nutzer aus aller Welt Grüsse mittels Ansichtskarten. Einmal dort registriert, wählt ein Zufallsgenerator einen anderen Nutzer irgendwo auf der Welt aus. Dieser Person sendet man einen Gruss. Im Gegenzug kommt eine Postkarte zurück, ebenfalls von einem Fremden. Eine Dreiviertelmillion Menschen aus über 200 Ländern ist mittlerweile auf der Plattform angemeldet.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Website?
Gerade im digitalen Zeitalter freuen wir uns über «echte» Post im Briefkasten. Briefmarke, Poststempel, aber auch Transportspuren zeugen von der weiten Reise einer Ansichtskarte. Dies alles versetzt uns beim Betrachten für kurze Zeit an einen anderen Ort – wie es elektronische Grüsse so nicht zu tun vermögen.

Zur Person
*Prof. Dr. Heiko Hausendorf ist Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Zürich und Co-Leiter des universitären Forschungsschwerpunkts Sprache und Raum. Das Forschungsprojekt «Textsortenentwicklung zwischen Standardisierung und Variation: Das Beispiel der Ansichtskarte. Text- und korpuslinguistische Untersuchungen zur Musterhaftigkeit privater Fern- und Alltagsschriftlichkeit»  ist eine Kooperation der Universität Zürich (UFSP SpuR) und der Technischen Universität Dresden. Es wird gefördert vom Schweizer Nationalfonds und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
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