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«In 300 Jahren wird die Menschheit lachen, wie rudimentär wir 2019 interagiert haben»

13.08.19


Weshalb kommen unsere Botschaften in Beruf oder Familie häufig nicht an? Unsere individuellen Werte entscheiden, ob wir in Gesprächen aufnahmebereit sind oder nicht, sagt Coach Atilla Vuran*. Kommunikation und Führung bedeute deshalb vor allem, Haltungen zu führen.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Vuran, warum scheitern wir so oft in Gesprächen?
Weil wir beim Kommunizieren vor allem den Inhalt im Kopf haben. Egal, ob beim Meeting im Büro oder mit dem Kind zu Hause: Wir denken oft nur an die Botschaft, die wir loswerden wollen.

Was ist falsch daran?
Nichts, nur die Reihenfolge ist oft ungünstig. Denn Tonalität oder Sprachgeschwindigkeiten werden dabei meist völlig ausser Acht gelassen, genauso wie der richtige Zeitpunkt, also wann ich etwas sage. Vor allem aber fragen wir uns oft nicht, ob wir überhaupt die Berechtigung haben, mein Gegenüber zu führen, ihm etwas zu sagen.

Wann habe ich denn die Berechtigung dazu?
Angenommen, Sie wollen, dass Ihr Kind sein Zimmer aufräumt – dann haben Sie aufgrund Ihres Elternstatus die Berechtigung, dies zu äussern. Im Beruf wiederum kann ich als Vorgesetzter etwas von meinem Mitarbeitenden verlangen. Doch selbst wenn Sie all die genannten Punkte berücksichtigen, hört Ihr Gesprächspartner vielleicht immer noch nicht zu. Der Knackpunkt lautet: Ist Ihr Gegenüber auch emotional aufnahmebereit?

Die emotionale Aufnahmebereitschaft ist in der Kommunikation essenziell

Was meinen Sie damit?
Stellen Sie sich vor, Sie versuchen seit Jahren, Ihren Partner in einem spezifischen Thema – sei es Politik, Ernährung, Kindererziehung oder Sport – von Ihrer Meinung zu überzeugen, leider jedoch ohne Erfolg. Nach einem Männerwochenende mit Studienkollegen kommt er nach Hause und ist plötzlich Ihrer Meinung. Was ist geschehen? Ganz einfach: Sie hatten keine Aufnahmebereitschaft und Berechtigung von Ihrem Partner – die Studienfreunde jedoch schon. Das Beispiel zeigt: Die emotionale Aufnahmebereitschaft ist in der Kommunikation essenziell. Ihr Gegenüber muss also nicht nur rational zustimmen, sondern auch emotional von Ihrer Botschaft überzeugt sein – dies gilt im Privaten genauso wie im Beruf.

Woran liegt dies?
Das liegt an unseren Wahrnehmungsfiltern. Wir unterscheiden dabei zwischen individuellen Filtern aufgrund persönlicher Erfahrungen und Prägung, sozialen Filtern – hervorgerufen durch Erziehung und Gesellschaft – und physiologischen Filtern, die wir uns durch Genetik, Umweltfaktoren oder Training aneignen.

Meine Werteeinstellung entscheidet, ob ich jemandem zuhöre

Wie genau bestimmen uns diese Filter?
Um dies zu demonstrieren, begann ich ein Kommunikationsseminar für Ärzte einmal mit folgenden Worten: «Ich bin übrigens bekennender Impfgegner» – worauf es im Saal totenstill wurde. Als ich fragte: «Wer möchte jetzt am liebsten wieder gehen?», meldeten sich gut 70 Prozent der Anwesenden. «Sehen Sie, aufgrund meiner Werteeinstellung – die ich übrigens erfunden habe –, sind Sie nicht bereit, mir zuzuhören», sagte ich daraufhin, «obwohl es hier inhaltlich um Kommunikation geht und meine Haltung zum Impfen keine Rolle spielen sollte.» Dieses Beispiel zeigt: Es liegt unter anderem an unseren individuellen Werten, ob wir aufnahmebereit sind oder nicht.

Wie aber weiss ich, welches die Werte meines Gegenübers sind?
Das ist oft nicht leicht abzuschätzen. In erster Linie geht es darum, sich mehr auf unsere Gesprächspartner einzulassen, ein Bewusstsein für sie zu bekommen, zu versuchen, nachzuempfinden, was ihre Haltung ist. Vor allem aber müssen wir uns klarmachen, dass jeder Mensch völlig andere Differenzierungen hat. Ist uns dies nicht bewusst, reden wir ständig aneinander vorbei. Frage ich in die Runde: «Was ist 1 + 1 + 2?», antworten vermutlich die meisten: «Vier.» Ein paar wenige, die diese Zahlen schon mal ins Telefon tippen mussten, werden sagen: «Das ist die Notrufnummer.» Auch hier zeigt sich: Es kommt immer auf die individuellen Filter an. Kommunikation und Führung bedeuten für mich deshalb vor allem, Haltungen zu führen.

Übergeordnete Programme bestimmen Denken, Handeln und Sprechen

Dies setzt jedoch voraus, dass ich nicht nur um die Werte der anderen weiss, sondern auch meine eigene Position kenne, oder?
Genau. Ich muss selbst aufnahmebereit sein und ausserdem wissen, wie ich eine Brücke von mir zu meinem Kommunikationspartner baue bzw. was dessen Wahrnehmungsfilter sind. Neben den Werten spielen dabei auch sogenannte Metaprogramme eine Rolle. Das sind übergeordnete Programme, die typische Muster im Denken, Handeln und Sprechen eines Menschen bestimmen. Metaprogramme beeinflussen, wie ein Mensch motiviert wird, Informationen versteht, am wirkungsvollsten arbeitet, prüft und Entscheidungen trifft. Im Gegensatz zu Wahrnehmungsfiltern – wie Werte und Grundüberzeugungen – geben sie inhaltsfrei nur die Form vor, also wie jemand reagiert. Sie bestimmen somit, ob sich jemand für etwas interessiert.

Wie ist es generell um unsere Kommunikationsfähigkeit bestellt?
Wir kommunizieren oft wirkungslos, denn es fehlt uns an Differenzierungen und Wissen. In 300 Jahren wird die Menschheit darüber lachen, wie rudimentär wir 2019 interagiert haben. Tatsache ist: Erst wenn ich die Werte meines Gegenübers kenne und damit seinen inneren Bezugsrahmen, kann ich die Kommunikation auf ein anderes Niveau heben – sowohl im Beruf als auch in der Familie. Diese Mechanismen sollten wir uns bewusst machen und reflektieren. Tun wir dies, verbessert sich die Kommunikation umgehend.


Zur Person
*Atilla Vuran ist Gründer und Geschäftsführer der PONTEA AG. Er begleitet Kunden in der Umsetzung zu nachhaltiger, erfolgreicher Führung und Kommunikation. Emotionale Aufnahmebereitschaft ist für ihn die Schlüsselkompetenz für Führung und Kommunikation der Zukunft. Neben seiner entwickelnden Tätigkeit für Führungskräfte ist er Autor mehrerer Bücher sowie Gastdozent an Universitäten und Instituten.

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