«Wie sage ich meinem Freund, dass er seine Arbeit nicht gut macht?»

02.07.20


Arbeitskollegen spielen eine grosse Rolle – schliesslich verbringen wir mit ihnen mehr Zeit als mit unseren Partnern. Studien zeigen, dass sie einer der wichtigsten Gründe sind, weshalb wir den Arbeitsplatz wechseln oder einer Stelle treu bleiben. Coach Michael Francesco Gschwind* über Gruppentiere und Einzelgänger und worauf zu achten ist, wenn Mitarbeitende sich anfreunden.



Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Herr Gschwind, welche Rolle spielen Arbeitskollegen?
Das ist eine Frage der Perspektive. Unternehmen wollen vorgegebene Ziele erreichen – dies gelingt am besten, wenn Kollegen kooperativ zusammenarbeiten und das Teamklima stimmt. Arbeitgeber haben also ein grosses Interesse daran, dass Mitarbeitende sich gut verstehen. Ausserdem sind Menschen soziale Wesen, die den Austausch brauchen – die einen mehr, die anderen weniger. Für Vorgesetzte gilt es deshalb herauszuspüren, wer ein Gruppentier und wer eher ein Einzelgänger ist.

Und wie verhält sich das aus Sicht der Mitarbeitenden?
Kollegen sind wichtig zum Austausch, als Ansprechperson und repräsentieren ein Stück Heimat im Büro. Ist das Verhältnis unter Arbeitskollegen gut, führt dies zu grosser Zufriedenheit bei Arbeitnehmern – was sich auch auf die Leistung niederschlägt.

Spätestens, als coronabedingt das halbe Land im Homeoffice gearbeitet hat, haben viele zu schätzen gelernt, was sie an ihren Arbeitskollegen haben.
Ja, tatsächlich. Dabei war es toll, zu sehen, was sich manche Firmen alles einfallen liessen, um die Verbindung aufrechtzuerhalten. Da trafen sich Mitarbeitende nicht nur fachlich zu virtuellen Meetings, sondern auch zum informellen Kaffeeplausch oder zum virtuellen Mittagessen. Dies zeigt: Ob man im Homeoffice vereinsamt, hängt auch davon ab, was die Führungskraft alles in Bewegung setzt, um Beziehungen und Routinen unter Mitarbeitenden zu pflegen.

Institutionalisierte Grill-Events oder das Feierabendbier

Wenn es aber unter Arbeitskollegen Konflikte gibt?
Dann wird es natürlich schwieriger. Umso wichtiger ist es, in Zeiten des guten Teamklimas Werte und einen Codex festzulegen, damit sich im Zweifelsfall auf Lösungsansätze zurückgreifen lässt. Generell hat das Betriebsklima für Unternehmen heute einen sehr hohen Stellenwert – was natürlich auch an der weitverbreiteten Teamarbeit liegt. Regelmässige gemeinsame Unternehmungen wie Grill-Events oder das Feierabendbier gehören bei vielen Firmen zum guten Ton.

Und dann werden aus Arbeitskollegen plötzlich Freunde – ist das okay?
So lange sie befreundet sind, schon. Kompliziert wird es oft, wenn eine Person aufsteigt und die Rolle des Chefs übernimmt. Dies sollte man gut besprechen. Erteilt die neue Führungskraft dem anderen einen Auftrag, leidet sonst die Freundschaft, oder sie kehrt sich ins Gegenteil um. Häufig lautet das Dilemma: «Wie sage ich meinem Freund, dass er seine Arbeit nicht gut macht?» Beherrscht man aber die Regeln der Kommunikation und gibt konstruktiv Feedback, kann auch das gut funktionieren.

Angenommen, meine Arbeit macht mir keine Freude, aber das Team ist toll. Soll ich den Job behalten oder nicht?
Das ist tatsächlich eine häufig gestellte Frage in Einzel- oder Laufbahncoachings. Natürlich ist es ein Risiko, dass ich nicht weiss, wie ein Team in einem anderen Unternehmen sein wird. Andererseits braucht der Mensch Herausforderungen in seinem Berufsfeld. Meine persönliche Entwicklung, Entfaltung und meine Gestaltungsmöglichkeiten würde ich deshalb nicht von einem Team abhängig machen. Aber wenn ich mich in einem neuen Unternehmen umschaue, gilt es, sehr genau darauf zu achten, was für eine Kultur dort herrscht.

Ein Team kann wie eine Familie sein – ist es aber nicht

Angenommen, ich wechsle die Firma und finde mich tatsächlich in einer sehr viel schlechteren Teamkultur wieder.
Dann würde ich überlegen: Was kann ich dafür tun, dass eine gute Zusammenarbeit entsteht? Wie das geht, weiss ich ja schliesslich von meinem vorherigen Arbeitgeber. Ein Team kann wie eine Familie sein – ist es aber nicht. Schliesslich kann ich mich aus einer Familie nicht verabschieden, aus einem Team aber sehr wohl; hier besteht keine lebenslange Verpflichtung. Wobei es natürlich auch Unternehmen gibt, wie etwa Google oder McKinsey, die das (Team = Familie) regelrecht leben.

Was dann aber auch wieder sehr verpflichtet, oder?
Sagen wir es so: Es ist ganz toll, wenn man Menschen trifft, mit denen sich gut arbeiten lässt. Wenn man morgens ins Büro kommt und merkt: Das passt einfach! Ich kann so sein, wie ich bin. Ich werde auch akzeptiert, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Aber das alles darf kein Muss sein. Es darf nicht verpflichtend sein, sich zum Feierabendbier zu treffen oder sich täglich beim Mittagessen auszutauschen. Es braucht auch Platz für Individualität. Ein gutes Team zeichnet sich deshalb dadurch aus, dass es Teamgeist besitzt, viel Gemeinsames hat, daneben aber auch Platz für Individualität lässt.

 

Zur Person
* Michael Francesco Gschwind ist Arbeitspsychologe, Fachpsychologe für Coaching-Psychologie FSP und Inhaber von mfgschwind human consulting. Er bietet Laufbahn- und Karriereberatung sowie Coaching, Führungs-, Organisations- und Teamentwicklung für Fach- und Führungskräfte an.

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