Während des Jobs eine neue Sprache lernen? Kein Problem!

29.08.20


Perfekte mündliche Interaktion sei für erwachsene Fremdsprachenlernende nur schwer zu erreichen, sagt Sprachwissenschaftler Thomas Studer*. Anders sieht es in der Fachterminologie aus. Welche Kniffe helfen und warum auch modernste Technik keine Sprachkenntnisse ersetzt, erzählt er im Interview.



Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Herr Studer, für den Job eine neue Sprache lernen – vor dieser Herausforderung stehen viele Berufstätige irgendwann. Worauf kommt es dabei an?
Zunächst gilt es, die eigenen Ziele in Erfahrung zu bringen und eine Art Bedürfnisanalyse aufzustellen: In welchen Situationen und wofür brauche ich die neue Sprache, was ist wichtig? Muss ich nur verstehen können? Reden? Oder gar schreiben? Dann geht es um das Sprachniveau, das ich z.B. beim Sprechen anstrebe. Reichen Grundkenntnisse für die Reise, muss ich in einfachen Konversationen mithalten oder gar anspruchsvolle Präsentationen halten können? Eine praktische Hilfe für diese Bedürfnisanalyse sind die Kompetenzbeschreibungen des Europäischen Referenzrahmens, der zwischen sechs Hauptniveaus unterscheidet, denen auch die internationalen Sprachprüfungen zugeordnet sind. Aber auch die Lerneignung ist entscheidend: Lerne ich die Grammatik lieber durch Regeln oder besser im Sprachgebrauch, durch möglichst viele Beispiele? Und schliesslich die Motivation: Will ich selbst eine neue Sprache lernen? Oder wird das nur von mir erwartet?

Welche Strategien und Methoden eignen sich zum Sprachenlernen?
Grob gesagt gibt es drei Ansätze: angeleitetes Lernen – also der klassische Präsenzunterricht, etwa in Abendkursen; autonomes Lernen – was heute vor allem über Medien und elektronisch stattfindet; sowie das sogenannte Blended Learning – also diverse Kombinationen aus angeleitetem und selbstständigem Lernen. Das Angebot unterschiedlichster Mischformen ist hier gross. Immer noch empfehlen kann man den Aufenthalt in einer Region, in der die Zielsprache gesprochen wird. Doch auch zu Hause lässt sich die neue Sprache in den Alltag integrieren.

An was denken Sie dabei konkret?
Lernen mit Filmen ist zum Beispiel eine interessante und übrigens auch günstige Möglichkeit. Besonders gut eignen sich Krimis: Das Genre ist mir bekannt, Script und Frame ebenfalls. Ich weiss also bereits relativ viel, was entlastet und mich ganz auf die neue Sprache konzentrieren lässt. Manche schwören auch auf Fussballreportagen in der Zielsprache oder auf Serien. Der Vorteil jeweils: Ich bin bei der Handlung dabei, selbst wenn ich nicht jedes Wort verstehe. Ausserdem ist die Sprache authentisch, und ich kriege viel Kulturelles mit.

Es ist wichtig, sich seiner Ziele klar zu sein, bevor man mit dem Lernen einer Fremdsprache beginnt

Sie haben selbstständiges Lernen erwähnt: Ist es möglich, sich eine neue Sprache ganz autonom anzueignen?
Ja, absolut. Dabei kommt es natürlich auf die Lernende und ihre Ziele an. Eine Japanerin etwa, die sich für deutsche Literatur interessiert, kann Grammatik und Wortschatz eigenständig lernen und ist dann womöglich in der Lage, Goethe zu lesen. Allerdings wird sie wohl nicht kommunizieren können – und vielleicht auch gar nicht wollen. Deshalb ist es wichtig, sich seiner Ziele klar zu sein, bevor man den Weg zur Fremdsprache festlegt.

Was ist anders, wenn ich als Erwachsene eine Fremdsprache lerne und nicht als Kind?
Sprachfähigkeiten, auch Basic Language Cognition genannt. Damit ist alltägliche mündliche Interaktion gemeint, Hören und Sprechen. Higher Language Cognition hingegen bezieht sich auf schriftlich durchformte Sprache, für die komplexere Grammatik und seltenere Wörter typisch sind. Diese Sprache spielt gerade im Berufszusammenhang oft eine wichtige Rolle: Erklärungen dürfen nicht zu Missverständnissen führen, der Fachwortschatz muss genau sein. Die gute Nachricht ist: Erwachsene Fremdsprachenlernende können bei diesem anspruchsvollen Sprachdenken auf dasselbe Niveau kommen wie Native Speaker.

Das sind ja positive Aussichten für Berufslernende!
Genau! Was ich hier erarbeiten kann, liegt nicht so sehr am Alter, sondern an Ausbildung und Beruf. Umgekehrt haben nachpubertäre Lernende gerade bei den grundlegenden Sprachfähigkeiten oft mehr Mühe. Für flüssige Konversation im Stile der Native Speaker braucht es sehr viel. Und selbst nach einem Auslandsaufenthalt bleibt oft ein Akzent. Aber Achtung: Was früher als negativ angesehen wurde, gilt heute als normal, und zwar mit Recht. Die Mehrheit der Weltbevölkerung ist mehrsprachig, und bei Mehrsprachigen ist es normal, dass sich die einzelnen Sprachen und Dialekte gegenseitig beeinflussen. Akzente gehören da einfach dazu. Indisches Englisch klingt anders als britisches oder amerikanisches Englisch, weil dahinter eine Vielzahl anderer Sprachen steht.

Wie lange es dauert, bis man eine Sprache wirklich kann, hängt von vielen Dingen ab

Wie viel Zeit muss ich aufwenden, bis ich als Berufslernende eine Sprache wirklich kann?
Das ist schwer zu sagen und kommt auf viele verschiedene Faktoren an: Welches Niveau müssen Sie für den Beruf erreichen? Welche Vorkenntnisse haben Sie? Was ist Ihre Ausgangssprache – und wie weit ist diese von der neu zu erlernenden entfernt? Mit etwas Französisch im Gepäck sind beispielsweise weitere romanische Sprachen recht schnell zu verstehen und sicher leichter zu lernen als etwa Finnisch oder Chinesisch.

Wie wichtig sind heute eigentlich noch Sprachkenntnisse – in Zeiten von Spracherkennungssoftware und anderen elektronischen Hilfsmitteln?
Tatsächlich sind die Möglichkeiten, sich mit technischer Hilfe zu verständigen, bereits sehr weit entwickelt. Nur: Wollen wir den berühmten Knopf im Ohr wirklich? In der sprachlichen Verständigung geht es um mehr als nur um Sprache. Beim Sprechen kommunizieren wir immer auch Werte und Einstellungen, und Sprachverstehen basiert auf kulturell geprägten Deutungsmustern. Denken Sie etwa an Höflichkeitskonventionen, die je nach Sprachkultur sehr verschieden sind. Maschinelle Spracherkennung, Übersetzungs- und Text-to-Speech-Programme können dem nicht Rechnung tragen. Das beruhigt mich irgendwie.

Weil wir auch in Zukunft noch Fremdsprachen lernen werden?
Ja, denn schliesslich geht es bei der Sprache auch um interkulturelle Verständigung, um die Arbeit an Beziehungen. Die Automatisierung kann dies nicht leisten, mindestens jetzt noch nicht. Gleichzeitig steigt der Sprachbedarf – aufgrund von Globalisierung, internationaler wirtschaftlicher Vernetzung und Binnenmigration. Dies mag je nach Branche unterschiedlich sein – aber insgesamt sind Fremdsprachen wichtiger denn je. 

 

Zur Person
* Prof. Thomas Studer ist Sprachwissenschaftler an der Universität Freiburg i. Ue. Als Professor für Deutsch als Fremdsprache beschäftigt er sich mit Sprachlehr- und Sprachlernforschung.

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