«Vielleicht will der Kollege ja nur Frust loswerden»

05.11.20


Feedback sollte im Beruf eigentlich zum Alltag gehören. Trotzdem tun sich viele damit schwer. Erwachsenenbildnerin und Trainerin Ruth Meyer Junker* weiss, weshalb viele Feedback fälschlicherweise als wertende Kritik verstehen. Und sie erzählt, warum Kinder besser mit Feedbacks umgehen können und welche Rolle Macht spielt.



Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Frau Meyer Junker, wie gut sind Erwachsene im Feedbackgeben?
Oft überhaupt nicht gut. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr Leute damit Mühe haben. Häufig wissen sie einfach nicht, was das genau ist. Feedback anzunehmen, ist dann natürlich ebenfalls schwierig.

Was ist Feedback?
Wörtlich übersetzt heisst dies «Rückmeldung». Ich melde also zurück, was ich wahrnehme. Wichtig dabei ist: Es handelt sich lediglich um meine Meinung und ist keine generelle Aussage über mein Gegenüber. Doch natürlich spielen Gefühle immer mit rein. Deshalb gilt es, zwischen eigenem Einschätzen und dem, was ich fühle, zu unterscheiden – was viel Selbstreflexion erfordert.

Was ist die Voraussetzung, um Feedback geben zu können?
Der Feedbackgebende sollte bewusst zuhören, die Situation beobachten und anschliessend seine Beobachtungen in Worte fassen. Das Problem ist: Viele verstehen Feedback als wertende Kritik. Sobald ich aber bewerte und nicht nur meine Beobachtungen teile, entsteht ein Machtgefälle. Dies macht es für Empfänger so schwierig, Feedback anzunehmen – vor allem unter gleichgeordneten Arbeitskollegen. Dann nimmt der Empfänger automatisch die Verteidigungsstellung ein, nach dem Motto: «Du hast mir gar nichts zu sagen!»

Und wenn ich tatsächlich eine persönliche Aussage über eine oder zu einer Person machen will?
Dann muss ich dies ganz klar als Interpretation oder Vermutung deklarieren, indem ich etwa formuliere: «Ich vermute …», «Könnte es sein, dass …?»

Nicht alle Menschen halten den eigenen Anblick gleich gut aus

Weshalb ist Feedback so wichtig?
Feedback zu erhalten, ist für alle essenziell, um sich weiterzuentwickeln und blinde Flecken aufzudecken. Es ist wie ein Film, der von mir gedreht worden ist: Ich habe die Chance, diesen anzusehen und kann beobachten, wie ich wirke. Allerdings halten nicht alle Menschen den eigenen Anblick gleich gut aus. Mit Feedback verhält es sich genauso. Deshalb sollte man dabei auch sehr vorsichtig sein.

Warum fällt es uns so schwer, Feedback anzunehmen?
Weil wir die Tendenz haben, eine erhaltene Rückmeldung – und mag sie noch so professionell und neutral abgefasst sein – immer mit unserer eigenen Interpretation zu verquicken.

Angenommen, ich will einer Kollegin Feedback geben – wie gehe ich vor?
Die oberste Regel lautet: kein Feedback ohne Anfrage! Holen Sie sich also vorher die Erlaubnis der Kollegin («Darf ich dir zu dem, was ich gesehen habe, eine Rückmeldung geben?»). Anschliessend teilen Sie Ihre Wahrnehmung mit – beschreiben, was Sie beobachtet haben, aber werten oder verallgemeinern nicht. Ebenfalls wichtig: Sie bieten diese Info nur an, zwingen sie aber Ihrer Kollegin nicht auf.

Und wenn ich selbst Feedback bekomme?
Dann sollten Sie stets daran denken: Was immer die andere Person sagt – es ist lediglich deren Sicht und sagt nichts über Sie als Person aus. Feedback entgegennehmen bedeutet, sich anzuhören und für sich selbst zu überlegen: Was davon ist wirklich ein blinder Fleck von mir, was könnte also stimmen? Und was ist lediglich die eigene Sicht des Kollegen auf mich? Vielleicht will er ja nur Frust loswerden. Was übrigens bei nicht erwünschten Rückmeldungen tatsächlich die häufigste Motivation ist.

Kinder agieren noch unbehelligt von Taktik und Strategie

Kinder haben die Gabe, untereinander Dinge offen anzusprechen, auch Kritik entgegenzunehmen und später trotzdem wieder miteinander zu spielen. Damit sind sie vielen Erwachsenen deutlich voraus. Wieso fällt ihnen das Feedbackgeben offensichtlich leichter?
Das hat wohl mit Hierarchie und Macht zu tun. Beides gibt es unter Kindern in der Regel nicht. Ausserdem agieren Kinder noch unbehelligt von Taktik und Strategie. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht: Übt man das Feedbackgeben mit im Berufsleben stehenden Erwachsenen und bietet ihnen dafür einen geschützten Rahmen, können sie es auch.

An was für einen geschützten Rahmen denken Sie?
Ohne Anwesenheit eines Vorgesetzten zum Beispiel. Ist die Chefin dabei, sollte sie zumindest über eine gewisse Selbstreflexion verfügen. Am einfachsten lässt sich Feedbackgeben üben, nachdem jemand eine Präsentation oder ein Referat gehalten hat. Dabei fällt die Trennung zwischen Verhalten und Person leicht. Leider lernen wir relativ schnell, taktisch zu agieren, um Vorteile im Beruf zu erlangen, und haben Angst, manipuliert oder überstimmt zu werden. Dies alles erschwert das Feedbackgeben im Berufsalltag. Dabei geht es stets um Macht («Weshalb soll ich jemandem Feedback geben, wovon dieser auch noch profitiert? Mir gibt ja auch niemand eine Rückmeldung.»). Hat sich in Teams jedoch eine gute Feedbackkultur etabliert, tut dies dem Klima unheimlich gut, weil jeder sagen kann, wie er sich fühlt. Das ist sehr befreiend.

 

Zur Person
* Ruth Meyer Junker ist Erwachsenenbildnerin und Trainerin. Ihre Schwerpunkte sind Qualitätsmanagement, Didaktik, Weiterbildung von Lehrpersonen, Organisationsentwicklung sowie Team- und Persönlichkeitsentwicklung.

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