«50 Prozent der Bevölkerung erreichen Sie so nicht»

07.01.21


Gendergerechte Sprache wird immer wichtiger, auch Unternehmen müssen ihre Kommunikation anpassen. Christiane Hohenstein*, Professorin für Sprachdiversität an der ZHAW, über ungeeignete Techniken und Ängste der Skeptiker.


Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Frau Hohenstein, Binnen-I, semantischer Unterstrich, Genderstern, Abwechseln zwischen weiblicher und männlicher Form: Was ist für Sie die beste Technik, um gendergerechte Sprache zu erzielen?
Man kann alle Techniken nutzen und damit experimentieren. Eine der von Ihnen erwähnten typografischen Lösungen nehmen, jeweils die weibliche und männliche Form verwenden oder sich der neutralen Form bedienen (wie etwa Studierende): Unsere Sprache hält glücklicherweise viele Möglichkeiten für eine gendergerechte Ausdrucksweise bereit.

Halten Sie eine der Techniken für ungeeignet?
Ich persönlich finde das Hin- und Herspringen in einem Text zwischen männlicher und weiblicher Form am schwierigsten, das verwirrt – was ich auch bei mir selbst merke. Ist etwa in einem Text zunächst nur von Ärztinnen die Rede, frage ich mich: «Wieso kommen da keine Männer vor?» Geht es anschliessend nur um Ärzte, grüble ich, wo nun die Frauen geblieben sind. Kurz: Leserinnen und Leser brauchen bei dieser Variante zu lange, um das System zu durchschauen. Helfen würde eine Fussnote, die darauf verweist «Mit der weiblichen Form sind auch Männer gemeint / mit der männlichen auch Frauen» – aber genau von solchen Erklärungen wollen wir ja weg.

Der Genderstern ist zeitgemäss und arbeitet nicht mit Stolperfallen

Typografische Zeichen haben sich bisher allerdings auch nicht wirklich durchgesetzt.
Stimmt, dabei gibt es seit den 80er-Jahren Versuche damit. Das Binnen-I (LeserInnen) ist die älteste Form. Sie sollte zeigen, dass der Mann mit der weiblichen Form mitgemeint ist und ausserdem klarmachen, dass Frauen die Hälfte der Menschheit stellen. Der semantische Unterstrich (Leser_innen) wiederum soll zum Stolpern und Nachdenken beim Lesen führen und so auf die Lücken in unserer Sprache aufmerksam machen. Dies sowohl bei der Bezeichnung von Personen als auch in unserer Wahrnehmung der Geschlechter. Das brauchbarste typografische Zeichen ist für mich der Genderstern (Leser*innen). Es ist schlüssig, zeitgemäss und arbeitet nicht mehr wie seine Vorgänger mit Stolperfallen.

Was ist am Stern so zeitgemäss?
Das Sternsymbol wird bei Datenbankabfragen verwendet, um zu kennzeichnen, dass alle Wortformen mit beliebigen anschliessenden Buchstaben und Zeichenketten bei der Suche mitberücksichtigt werden. Damit ermöglicht der Genderstern sozusagen Diversität auf Wortebene.

Allerdings ist er wenig akzeptiert.
Das gilt nicht für die Wissenschaft! In der Psychologie, Sozialen Arbeit und Ethnologie etwa ist er bereits weitverbreitet – vermutlich, weil wir viel mit Datenbanken arbeiten und einen anderen Zugang dazu haben.

Was sagen Sie zum Vorwurf, gendergerechte typografische Lösungen machen Sprache unverständlich und mühsam?
Klar ist: Typografische Lösungen sind eher für kürzere Texte. Doch auch längere Texte profitieren, wenn sich Schreibende um gendergerechte Sprache bemühen. Denn viele nicht genderneutrale Formen sind einfach falsch: Patienten im Kontext von Gynäkologie ergibt zum Beispiel keinen Sinn, hier müsste von Patientinnen die Rede sein. Deshalb ist gendergerechte Sprache vor allem auch eine Chance, um klarer und sachgerechter zu formulieren. Ausserdem haben zahlreiche wissenschaftliche Studien in den letzten 40 Jahren gezeigt: Frauen sind beim überwiegend immer noch verallgemeinernden Maskulinum nicht «mitgemeint» – weder psychologisch noch gesellschaftlich. Anders gesagt: Damit erreichen Sie Frauen nicht.

Die Schreibweise ist egal – solange es nicht das verallgemeinernde Maskulinum ist

Was bedeutet das für Medien?
Bei den Medien liegt die Chance, gendergerechte Sprache ins Bewusstsein zu bringen und zu etablieren. Deshalb würde ich es begrüssen, wenn alle Zeitungen endlich ihre Praxis auf eine gendergerechte Sprache umstellen, die Frauen explizit benennt. So würde die grösste Gruppe der sprachlich Diskriminierten – immerhin 50 Prozent der Bevölkerung – zu ihrem Recht kommen. Für welche Schreibweise sich ein Medium entscheidet, ist dabei zweitrangig – solange es sich endlich vom verallgemeinernden Maskulinum abwendet.

Wo stehen Unternehmen in dieser Diskussion?
Auch Firmen müssen sich bewusst sein: Mit dem generischen Maskulinum erreichen sie 50 Prozent der Bevölkerung nicht – seien es potenzielle Kundinnen oder Mitarbeiterinnen. Viele Unternehmen, die Wert darauf legen, die ganze Belegschaft anzusprechen, bedienen sich bereits der Neutralform (Mitarbeitende). Doch auch hier ist noch viel zu tun. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen: Sprache verändert sich ständig. Immer wieder kommen neue Bezeichnungen hinzu, etwa aus dem IT-Bereich. Denken Sie etwa an das neuartige Verb «entteilen», das verwendet wird, wenn man in der Videokonferenz vom geteilten Schreibtischbild wieder auf die Gesamtansicht aller Teilnehmenden zurückgeht.

Wie ist es zu erklären, dass gendergerechte Sprache so viele Emotionen hervorruft – vor allem bei Personen, die dagegen sind?
Bei Männern schwingt dabei oft die Angst mit, Privilegien zu verlieren. Generell hat es viel mit Gewohntem und Gelerntem zu tun. Die Diskussionen über genderneutrale Sprache machen mir jedoch Hoffnung, dass irgendwann auch Skeptiker einsehen werden, dass ihre Verlustängste irrational sind und letztendlich alle nur gewinnen können. Denn egalitäre Sprachverwendung schafft Kooperation und Zusammenhalt in der Gesellschaft. Und das ist es doch, was wir brauchen.

 

Zur Person
*Christiane Hohenstein ist Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW, Departement Angewandte Linguistik in Winterthur. Sie leitet den CAS Kommunizieren und handeln im interkulturellen Kontext.

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