«‹Ich muss kurz aufs WC› ist nicht die feine Art»

15.04.21


Es scheint ein häufiges Koordinationsproblem zu sein: den richtigen Ausstieg aus einer Small-Talk-Unterhaltung zu finden. Wann ist der beste Zeitpunkt dafür? Und wie lassen sich Gespräche elegant beenden? Knigge-Expertin Simone C. Styger* über erlaubte Notlügen und notorische Vielredner.



Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Frau Styger, eine aktuelle Harvard-Studie zeigt: Führen zwei Gesprächspartner eine Small-Talk-Unterhaltung, wird diese fast nie zu einem von beiden gewollten Zeitpunkt beendet. Mehr noch: In fast 50 Prozent der untersuchten Fälle wurden die Gespräche fortgeführt, obwohl sich beide eigentlich ein Ende gewünscht hätten. Offensichtlich stehen wir also gerade in Gesprächssituationen zu zweit oft ein bisschen zu lange miteinander herum, bevor endlich einer von beiden sagt: «Na, ich muss dann mal.» Wie ist Ihre Erfahrung?
In meinen Knigge-Seminaren ist das tatsächlich eine der häufigsten Fragen: Wie steige ich aus einem Gespräch aus? Am Telefon geht dies einfacher. Im persönlichen Gespräch hingegen, wenn wir uns sehen, wollen wir höflich sein und niemanden abklemmen. Generell lautet die Faustregel: Ein Zweiergespräch in einer Small-Talk-Situation sollte etwa drei bis vier Minuten dauern – schliesslich benötigen wir so lange, um herauszufinden, ob es sich lohnt, die Beziehung zu vertiefen. Natürlich müssen wir nicht unsere Gespräche stoppen. Aber wir sollten uns bewusst sein: In sehr kurz gehaltenen Unterhaltungen kann bei der anderen Person das Gefühl «Ich hatte keine Chance, mich zu zeigen» entstehen.

Wie finde ich den richtigen Zeitpunkt, um ein Gespräch zu beenden?
Normalerweise ergibt sich der Schluss natürlich – weil das Thema beendet ist und Pausen entstehen. Häufig zeigt sich auch an der Körpersprache, dass das Gegenüber kein Interesse mehr hat: Wenn die Person etwa zur Tasche greift oder ihr Blick unstet wird. Möchten Sie selbst das Gespräch beenden, können Sie die angeschnittenen Themen nochmals kurz zusammenfassen. Bedanken Sie sich etwa für Tipps, versuchen Sie, Ihr Gegenüber nochmal mit Namen anzureden, ihm die volle Aufmerksamkeit zu schenken mit Blickkontakt und einem echten Lächeln. Das unterstützt den Selbstwert Ihres Gesprächspartners und lässt Sie in guter Erinnerung bleiben.

Generell gilt: Keine leeren Versprechungen!

Wie verhält es sich mit Ausstiegsfloskeln wie «vielleicht sieht man sich mal wieder» oder «eventuell sehen wir uns ja in der Pause nochmal»?

Sagen Sie das nur, wenn Sie es auch wirklich ernst meinen. Generell gilt: Keine leeren Versprechungen! Auch «Ich muss kurz zum WC/Buffet» ist nicht die feine Art. Zumal der andere eventuell das Gefühl hat, später wieder anknüpfen zu können. Stattdessen ist Ehrlichkeit gefragt. Wünschen Sie einfach einen schönen Abend.

Angenommen ich bin an einem Apéro an einen Vielredner geraten – wie werde ich diesen wieder los?
Holt Ihr Gegenüber Luft, könnten Sie zum Beispiel einhaken: «Ich möchte noch XY begrüssen und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!» Oder: «Danke für den Restauranttipp, den werde ich gerne ausprobieren. Jetzt muss ich noch XY begrüssen.» Der Trick dabei: Nehmen Sie auf etwas aus dem Gespräch Bezug, signalisieren Sie: «Ich habe dich wahrgenommen und gesehen» – das gibt dem anderen ein gutes Gefühl. Alternativ können Sie auch versuchen, Ihr Gegenüber zu vernetzen und nicht alleine stehen zu lassen («Bevor wir uns verabschieden, will ich Ihnen noch XY vorstellen»). Oder Sie überreichen Ihre Visitenkarte («Hier ist meine Karte, falls Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne melden»).

«Herr Müller, finden Sie nicht auch, wir sollten jetzt reingehen?»

Und wenn die Person mich überhaupt nicht zu Wort kommen lässt?
Dann sprechen Sie sie namentlich an und stellen eine geschlossene Frage, wie etwa: «Herr Müller, finden Sie nicht auch, wir sollten jetzt reingehen?»

Was vielen vermutlich schwerfällt. Schliesslich wurden wir so erzogen, dass wir andere Menschen ausreden lassen und nicht unterbrechen.
In dem Fall dürfen wir es aber! Zumal Apérosituationen ja dazu da sind, um möglichst viele Personen in kurzer Zeit zu sprechen. Mit Small Talk wollen wir den Austausch pflegen. Das Ganze sollte deshalb wie bei einem Pingpongspiel sein, bei dem der Ball immer hin- und herwandert. Lässt eine Person die andere hingegen gar nicht zu Wort kommen, torpediert sie das Spiel und darf deshalb unterbrochen werden.

Entschuldigen Sie sich nie für den Ausstieg aus einem Gespräch

Sind Notlügen dabei erlaubt?
Sie können schon sagen: «Ich will noch XY begrüssen», auch wenn Sie dies bereits getan haben. Wichtig ist, dass die andere Person ihr Gesicht wahren kann und Sie Ihren Gesprächspartner oder Ihre Gesprächspartnerin mit einem guten Gefühl entlassen. Dabei sollten Sie sich allerdings nicht für den Ausstieg aus dem Gespräch entschuldigen – das wirkt überzogen und unaufrichtig.

Abgesehen von Desinteresse und Zeitmangel: Wann ist es noch ratsam, Small-Talk-Gespräche zu beenden?
Wenn es zum Beispiel peinlich wird, weil plötzlich Altherrenwitze zum Besten gegeben werden und sexistische oder rassistische Sprüche fallen. Dann am besten abrupt das Thema wechseln – so lange, bis Ihr Gegenüber damit aufhört. Auch hier gilt jedoch: den Gesprächspartner nicht blossstellen und keine öffentliche Kritik äussern. Small Talk ist immer fluffig und leicht, alles Schwere sollte ausgespart werden.

Ist der letzte Eindruck, den ich hinterlasse, tatsächlich wichtiger als der erste?
Der erste ist der Türöffner und entscheidet, ob ein Kontakt überhaupt zustande kommt. Der letzte Eindruck wiederum bleibt. Oder anders gesagt: Das Gefühl, das Sie bei der Verabschiedung bei Ihrem Gegenüber auslösen, wird dieses bei einem nächsten Treffen oder wenn Ihr Name fällt, wieder mit Ihnen verbinden.

 

Zur Person
*Simone C. Styger ist Inhaberin von THE STYLE CONNECTION und Expertin für Stil- und Etikettefragen. Sie leitet Seminare, hält Referate und berät Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung. Als Business-Knigge-Coach für Top Executives wird sie von nationalen und internationalen Firmen und Institutionen eingesetzt bei Fragen um Auftrittskompetenz, Stil und Umgangsformen.

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