«Online-Paare sind sich der Beziehung schneller sicher»

23.07.15


Der Zürcher Psychologe und Paartherapeut Guy Bodenmann* erklärt, weshalb Paare, die sich im Netz kennen gelernt haben, schneller zusammen ziehen, heiraten und Eltern werden. Aber auch wie das Internet unser Verständnis von Untreue verändert hat.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Bodenmann, fast ein Fünftel der Partnerschaften entstehen durch das Netz, Tendenz steigend. Müssen wir froh sein, dass es das Internet gibt?

Es bietet zumindest die Chance, mit weniger Aufwand und Zeit einen Partner zu finden als über herkömmliche Möglichkeiten. Dennoch hat die traditionelle Partnersuche im Alltag nicht ausgedient. Noch immer werden mehr Beziehungen im realen Leben geschlossen als durch das Internet. Das bleibt auch in Zukunft so – selbst wenn die Tendenz zu Online-Bekanntschaften weiter steigt. Allerdings ist die Partnersuche im virtuellen Raum bequemer, unverfänglicher und besser kontrollierbar. Es lässt sich bequem vom Sofa aus jemanden kennen lernen, ohne mühsam in Bars herumzustehen oder irgendwelche Freizeitkurse besuchen zu müssen. Zudem birgt es nicht die Risiken des realen Datings: Man kann lange anonym blieben, aus sicherer Deckung heraus agieren und so die Gefahr kränkender Zurückweisungen minimieren.

Stimmt es, dass Paare, die sich online über ein wissenschaftlich basiertes Matching-Verfahren kennengelernt haben, zufriedener sind mit ihrer Beziehung als Paare, die offline zueinander gefunden haben?

Ja, aktuelle Befunde zeigen diesen Effekt. Allerdings gibt es bislang noch zu wenige Studien, um das Ergebnis wissenschaftlich als abgesichert bezeichnen zu können.

Ist der Computer bei der Partnerwahl also zuverlässiger als das Herz?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da wir noch keine Studien haben, welche den längerfristigen Erfolg dokumentieren. Erst wenn sich zeigen sollte, dass Online-Paare auch längerfristig zufriedener sind und ein geringeres Scheidungsrisiko haben, kann man diese Schlussfolgerung ziehen.

Das Internet als Beschleuniger der Beziehung

Eine Studie, an der Sie mitgewirkt haben, belegt immerhin, dass die Festigung der Partnerschaft bei Online-Paaren in einem viel kürzeren Zeitraum verläuft als bei Offline-Paaren. Beschleunigt das Internet den Beziehungsstatus?

Gemäss dieser Studie gründen Paare, die sich über das Internet kennengelernt haben, nach durchschnittlich 14 Monaten einen gemeinsamen Haushalt; Vergleichspaare, welche sich im realen Leben gefunden haben, erst nach 22 Monaten. Auch bezüglich Zusammenziehen und Kindern haben sich signifikante Effekte gezeigt. Damit weist diese Studie effektiv darauf hin, dass Partnerschaften, die online entstanden sind, schneller eine grössere Verbindlichkeit aufbauen. Dies hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens sind es bislang mehr Paare mittleren Alters, welche die Online-Dating-Möglichkeiten nutzen. Diese sind damit häufig ernsthafter auf der Suche nach einer verbindlichen Beziehung und wünschen sich eine Partnerschaft zwecks Familiengründung. Zweitens sind viele davon überzeugt, dass durch das wissenschaftlich fundierte Matching die Passung zwischen den Partnern gewährleistet sei und damit weniger risikoreich. Kurz: Online-Paare vertrauen auf den Erfolg des Matchings und sind sich daher der Sache schneller sicher.

Verändert das Internet auch unser Verständnis von Untreue?

Das Internet hat den Treuebegriff stark verändert. Interessanterweise wird der Treuebegriff heute aber immer noch archaisch ausgelegt. So steht Treue nach wie vor für sexuelle Treue. Die Vorstellung, dass bereits eine hohe emotionale Nähe zu einem Fremden oder der Austausch von sexuellen Fantasien ebenfalls als Untreue gelten könnten, ist hingegen neu und noch nicht wirklich in der Gesellschaft diskutiert.

Was meinen Sie mit emotionaler Untreue?

Emotionale Untreue bedeutet, dass man einem anderen Menschen, etwa dem Chatpartner, emotional näher ist als dem eigenen Partner. Damit werden die Grenzen des Paares zur Aussenwelt aufgeweicht. Wichtige intime emotionale Inhalte sollten exklusiv dem Partner mitgeteilt werden. Verletzt man diese Grenze, opfert man eine der wichtigsten Qualitäten einer intimen Partnerschaft – die Intimität und dyadische Bezogenheit. Damit meine ich, dass man seine Sorgen und Nöte, aber auch seine Freuden mit dem Partner als wichtigster Vertrauens- und Bezugsperson teilen sollte. Eine stärkere emotionale Nähe zu einem Fremden ist in diesem Sinne ein Vertrauensbruch oder eben emotionale Untreue.

Ist das Angebot gross, steigt das Scheidungsrisiko

Trägt das Internet zum Scheitern langjähriger Beziehungen bei, weil sich dort mit nur einem Mausklick Alternativen finden?

Ja, davon bin ich überzeugt. Studien zeigen, dass Scheidungen auch immer in Abhängigkeit des Marktes an potenziellen Partnern erfolgen. Ist der Markt klein, sinkt das Scheidungsrisiko, da man wenige Chancen auf eine bessere Alternative hat. Finden sich jedoch viele mögliche, bessere Alternativen zur aktuellen Partnerschaft, steigt die Scheidungsbereitschaft. Das Internet bietet eine Vielzahl von Alternativen, die nicht mehr durch geographische oder kulturelle Aspekte oder bezüglich Schichtzugehörigkeit eingeschränkt werden.

Hat das Netz unsere Partnerschaften oder unsere Beziehungsfähigkeit generell verändert?

Nein. Nicht das Internet hat den Menschen verändert, sondern der Mensch hat sich verändert und nutzt daher das Internet in der Weise, wie er es tut.

Was sollten Paare in diesem Zusammenhang beachten?

Wie bei allen Medien gilt es, diese mit Mass und Vernunft zu nutzen. Verbringt man mehr Zeit im Internet als mit dem Partner, ist dies ungünstig für die Beziehung. Da der Stress heute allgemein hoch ist und die Zeit für die Partnerschaft ein rares Gut, sollte man nicht wertvolle Zeit dem Internet opfern.

Haben langjährige Partnerschaften überhaupt noch eine Zukunft?

Ja, absolut. Nach wie vor sehnen sich die Menschen nach einer langfristigen, stabilen und glücklichen Beziehung und suchen Geborgenheit, Nähe und Bindung bei einem Partner fürs Leben. Das Bindungsbedürfnis ist ein elementares Grundbedürfnis. Daran ändert auch der Zeitgeist nichts. (kri)

Zur Person:

*Guy Bodenmann ist ordentlicher Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich. Sein Studium führte ihn an die Universität Fribourg und die University of Washington. Von 1995 bis 2008 war er am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg tätig. Bodenmann ist Verhaltenstherapeut mit Spezialisierung in Paartherapie. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Stress und Coping bei Paaren, Prävention von Beziehungsstörungen und die Auswirkungen von Partnerschaftsstörungen auf kindliches Befinden. Vor kurzem ist sein neues Buch erschienen: «Bevor der Stress uns scheidet», Huber Verlag 2015, CHF 26,80.

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