«Wer das dringende Bedürfnis hat, Netflix zu schauen, soll dies tun»

06.10.21


Die Bahn als Büro. Oder: Was gilt es, beim Arbeiten im Zug zu beachten? Brauche ich dafür die Erlaubnis meines Arbeitgebers? Was genau darf ich während dieser Arbeitszeit – und was nicht? Jens O. Meissner*, Professor für Organisation und Innovation an der Hochschule Luzern, über Funklöcher und offenherzige Mitreisende.


Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design


Herr Meissner, 2019 waren acht von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz Pendlerinnen und Pendler. Ein Grossteil davon fährt täglich längere Strecken mit dem Zug. Welchen Stellenwert hat das unterwegs stattfindende mobile Arbeiten?
Schon seit einigen Jahren ist mobiles Arbeiten das Zukunftsthema für Arbeitnehmende. Heutige Hochschulabsolventinnen und -absolventen erwarten von Unternehmen, dass Homeoffice-Tage ganz selbstverständlich dazugehören. Vermutlich werden sich zwei Tage arbeiten zu Hause und drei im Büro als Standard durchsetzen – zumindest bei Berufen und Tätigkeiten, bei denen dies Sinn ergibt. Wollen Unternehmen attraktiv sein, müssen sie Entsprechendes anbieten. Dies gilt auch für das Arbeiten im Zug: Dort lässt sich aufgrund des dichten Bahnnetzes in gut arbeiten. Die Schweiz ist hier auf dem Weg zu einem Smart-Country, wie es beispielsweise auch Südkorea ist. 

Für welche Tätigkeiten eignen sich Zugfahrten?
Wissensintensive Arbeiten, etwa Texte schreiben, funktionieren extrem gut. Kopfhörer mit Noise-Cancelling eingestöpselt, und schon hat man seine private Sphäre am mobilen Arbeitsplatz. Hilfreich sind dabei die Konzentrationsphasen, die sich im Zug abwechseln: Ankünfte und Abfahrten in Bahnhöfen strukturieren die Arbeitszeit in kompakte Einheiten voller Konzentration und in Phasen mit mehr Ablenkung. Genau diese kurzen Unterbrechungen braucht es für den kreativen Prozess. Häufig sieht man Leute in Zügen auch an Excel-Tabellen oder PowerPoint-Präsentationen basteln. Arbeiten im Zug ist aber vor allem auch eine Chance, um selbstbestimmt tätig zu sein. Solche Gelegenheiten bräuchten wir noch viel mehr. 

Blickschutzfilter gegen zu neugierige Sitznachbarn

Und welche Arbeiten eignen sich nicht im Zug?
Alles, was mit Kommunikation zu tun hat und wofür man eine stabile Datenverbindung braucht. In der Regel sitzt man spätestens fünf Minuten nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hat im Funkloch. Das müsste besser werden. Aber es kann natürlich auch eine Chance sein, sich in dieser Zeit konzentriert jenen Aufgaben zu widmen, für die es keine Datenverbindung braucht. 

Vergessen sollte man allerdings nicht, dass Mitreisende auch Ohren und Augen haben.
Ja, in der Tat! Nicht umsonst arbeiten viele Firmen mit Blickschutzfiltern über den Laptop-Bildschirmen, was unliebsame Einblicke von der Seite verhindern soll. Technisch lässt sich da einiges an Vorkehrungen treffen. Aber ein wenig gesunder Menschenverstand gehört ebenso dazu: Ich habe mal erlebt, dass sich Mitreisende im Zug von Bern nach Luzern ausführlich über eine direkte Arbeitskollegin von mir unterhalten haben. So was sollte man in einem übersichtlichen Land wie der Schweiz vermeiden.

Ein Drittel arbeitet im Zug mehr, ein Drittel weniger und ein Drittel gleich viel wie im Büro

Brauche ich von meinem Arbeitgeber die Einwilligung, dass ich im Zug arbeiten darf?
Ja, mobiles Arbeiten muss im Arbeitsvertrag festgeschrieben, in einer Personalverordnung oder durch Führungsbeschluss geregelt sein. Meist entscheidet die Teamleitung dann, ob und wie dies Sinn ergibt. Im Zweifel würde ich auf eine schriftliche Vereinbarung achten. 

Der Weg zu und von der Arbeit gilt allerdings nur bei Bundesangestellten als Arbeitszeit.
Stimmt, in der Privatwirtschaft ist dies nicht per se gesetzlich festgeschrieben; hier ist es Verhandlungssache. Doch Arbeitgeber tun gut daran, auf diesen Punkt einzugehen. 

Und was halten Sie von dem Einwand «Aber dann gucken die Leute während der Arbeitszeit Netflix!»?
So what! Wer das dringende Bedürfnis hat, soll dies tun. Ich bin generell dafür, den Leuten mehr zuzutrauen und sie souverän entscheiden zu lassen, wie sie ihre Zeit verwenden. Eine Studie hat untersucht, was Pendlerinnen und Pendler auf dem Weg zur Arbeit tun. Sie kam zu dem Ergebnis: Ein Drittel arbeitet mehr auf dem Arbeitsweg als im Büro, ein Drittel weniger, und ein Drittel arbeitet gleich viel wie im Büro. Ich selbst pendle oft von Basel nach Luzern und habe mir das Ziel gesetzt, spätestens ab Olten produktiv zu sein. Aber meistens fange ich schon wenige Minuten nachdem ich den Zug bestiegen habe damit an. 

Was wünschen Sie sich für noch besseres Arbeiten im Zug?
Ich freue mich vor allem auf Technologieentwicklungen! Hier wird sich enorm viel ändern: Apps werden beispielsweise besser integriert sein und stabiler laufen, und auch 5G wird neue Möglichkeiten bringen. In den Zügen selbst gibt es dann vielleicht in den Sitzen eingebaute Geräte wie Bildschirme. Idealerweise lassen sich diese mit dem eigenen Smartphone-Display verknüpfen, sodass man einen grösseren Bildschirm erhält. Diese Entwicklungen finde ich spannend.


Zur Person
* Jens O. Meissner ist Professor für Organisation und Innovation und leitet das interdisziplinäre Zukunftslabor CreaLab an der Hochschule Luzern. Zu seinen Schwerpunkten zählen organisationale Kommunikation und Innovationsmanagement.

 

Weitere spannende Stories lesen Sie hier.

PS: Warum selber machen, wenn es Profis gibt? etextera unterstützt Sie beim Texten, Gestalten und Umsetzen Ihrer Kommunikationsprojekte. Sprechen Sie mit uns.