«Höchstens drei Minuten, noch besser 30 Sekunden – sonst schaut niemand mehr zu»

06.12.21


Videos werden in Bewerbungsverfahren immer beliebter. Doch was sind die Vorteile, wenn man sich filmisch bei künftigen Arbeitgebenden anpreist? Rita Bucher* schult Stellensuchende und weiss, worauf es ankommt.


Redaktion/Interview: etextera, Agentur für Text und Design

Frau Bucher, warum gehört mittlerweile bei vielen Bewerbungen ein Video dazu?
Fachkräfte sind in vielen Branchen knapp, deshalb möchten Arbeitgebende Kandidatinnen und Kandidaten möglichst wenig Steine in den Weg legen: Bewerben soll für sie so einfach und bequem wie möglich sein. Doch auch Arbeitgebende profitieren davon: Sie können sich dank Video ein umfassenderes Bild von den Bewerbenden machen. Dies ist wichtig, wenn es bei der zu besetzenden Stelle etwa um Kundenkontakt geht. 

Bewerbungsvideos auszuwerten, stelle ich mir ziemlich aufwendig vor.
Das ist in der Tat ein Nachteil. Kämen alle Bewerbungen als Video rein, könnten Personalabteilungen dies vermutlich gar nicht stemmen. Hinzu kommt: Audio und Video mögen reich an Emotionen sein, für die reine Faktenübermittlung sind sie jedoch eher schlecht geeignet. 

Am getippten Anschreiben kommt also auch in Zukunft niemand vorbei?
Der Lebenslauf ist im Bewerbungsprozess unverzichtbar. Das Anschreiben wird längerfristig in neue Formen übergehen oder ganz verschwinden. Mit dem Kurzvideo wiederum können Bewerbende weitere Facetten von sich zeigen, die im Lebenslauf nicht zur Sprache kommen. Diese zusätzliche Möglichkeit gilt es jedoch richtig zu nutzen – was leider häufig zu wenig geschieht.

«Zuverlässig» und «teamfähig» sind überflüssig zu erwähnen

Wie sollten Videos gestaltet sein, damit sie Wirkung erzielen?
Zuerst muss ich mich selbst fragen: Was für ein Unternehmen suche ich? Was ist für mich wichtig? Wofür stehe ich? Und im zweiten Schritt: Was will das Unternehmen? Wo und wie kann ich meine Erfahrung zeigen und klar machen, dass ich einen Mehrwert mitbringe? Es gilt also nicht nur, schöne Sätze in die Kamera zu sprechen und sich selbst als «zuverlässig» und «teamfähig» zu beschreiben – beides wird heute vorausgesetzt, ist also überflüssig zu erwähnen.

Angenommen, ich habe mir dies alles überlegt: Wie lange darf ein Bewerbungsvideo sein?
Höchstens drei Minuten, noch besser sind 30 Sekunden – sonst schaut niemand mehr zu. Denken Sie daran: Bei schriftlichen Bewerbungen fällen Personalverantwortliche in der Regel bereits nach 10 bis 30 Sekunden ihre Entscheidung. Deshalb auch das Bewerbungsvideo lieber kurz und knackig halten.

Im Video fällt es noch mehr auf, wenn Sie Sätze sagen, die nicht zu Ihnen passen

Worauf sollten Bewerbende in ihrem Bewerbungsvideo achten?
Treten Sie professionell auf, auch wenn der Kommunikationskanal informell sein mag. Achten Sie also auf einen neutralen Hintergrund – kein Strandfoto, keine Wäscheberge –, auf eine Begrüssung und eine Verabschiedung. Kleiden Sie sich der Stelle entsprechend – handelt es sich um einen Job im Lager, brauchen Sie sich nicht in Schale zu werfen. Orientieren Sie sich ausserdem an der Sprache des Inserats: Wurden Interessenten dort mit «du» angesprochen, dürfen Sie damit fortfahren. Vor allem aber: Seien Sie authentisch! Im Bewerbungsvideo fällt es noch mehr auf, wenn Bewerbende Sätze sagen, die nicht zu ihnen passen. 

Wie weit verbreitet sind Bewerbungsvideos in der Schweiz?
Momentan hängt dies noch sehr von der Grösse des Unternehmens ab. Global Player wie Ikea nutzen Bewerbungsvideos bereits standardmässig, vor allem im Zweitkontakt. Bei Bewerbenden also, die die erste Runde bereits durchlaufen haben, kommt dann ein Video als Zwischenstufe vor einem Gespräch zum Einsatz. Dies ist für den HR wie auch die Kandidat/innen eine grosse Zeitersparnis und vereinfacht den Prozess. 

Und dies wird zunehmen?
Bestimmt! Wobei man den persönlichen Kontakt auch nicht unterschätzen darf. Ich hatte beispielsweise damit gerechnet, dass Corona Videos im Bewerbungsprozess noch mehr pusht. Doch sobald es wieder möglich war, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen, fanden die Gespräche vielfach wieder vor Ort statt. Der persönliche Austausch ist immer noch ein wichtiges Selektionskriterium.


Zur Person
* Rita Bucher leitet Bewerbungs- und Spezialkurse für Erwachsene bei Lernwerk. Dieser Verein ist spezialisiert auf Arbeits- und Berufsintegration. Dabei trainiert Lernwerk Stellensuchende und integriert Berufseinsteigende sowie Langzeiterwerbslose. Dazu gehören auch Aufträge, die nahe am Arbeitsmarkt angesiedelt sind.

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