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«Wer sich von Hand Notizen macht, versteht komplexe Zusammenhänge besser»

10.06.18


Wir schreiben immer weniger von Hand und tippen stattdessen auf Tastaturen – stirbt die Handschrift aus? Die Dozentin für Psycho- und Grafomotorik Judith Sägesser-Wyss* glaubt nicht so recht daran. Mahnt aber: Eine gute Schrift brauche Übung und Pflege, nur dann schlage sie sich auf den Wortschatz nieder.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Frau Sägesser-Wyss, wann haben Sie zuletzt einen handgeschriebenen Brief erhalten?

Oh, da muss ich überlegen. Eine Postkarte aus den Ferien oder eine Weihnachtskarte ja, aber einen handgeschriebenen Brief? Das hat wirklich Seltenheitswert.

Tatsächlich kritzeln wir höchstens noch unsere Einkaufsliste auf Papier, alles andere wird getippt. Ist das Schreiben von Hand also eine sterbende Kulturtechnik?

Da bin ich nicht so sicher. Einerseits haben Sie natürlich Recht, als Kommunikationsmittel verschwindet die Handschrift. In der Schule dominiert sie aber immer noch. Und angesichts all ihrer Vorteile gegenüber dem Tastaturschreiben wird das auch noch eine Weile so bleiben.

An welche Vorteile denken Sie?

Vom heutigen Stand der Forschung wissen wir: Buchstaben werden durch das Schreiben von Hand im Gehirn besser abgespeichert und unterstützen das Lesenlernen. Das sehen wir bei den ganz Kleinen, die sich die einzelnen Buchstaben einprägen. Ausserdem gibt es Studien über Studenten, von denen sich eine Gruppe während der Vorlesung von Hand Notizen gemacht hat, während die andere auf einer Tastatur mitgeschrieben hat. Dabei zeigte sich: Die reinen Fakten konnten beide Gruppen hinterher gleichermassen wiedergeben. Doch wer einen Stift benutzte, dem fiel es leichter, komplexe Zusammenhänge aus der Vorlesung zu erklären.

Um einen Stift zu führen, müssen viele Körperregionen zusammenspielen

Wie verhält es sich mit feinmotorischen Fähigkeiten, die man sich angeblich durch das Schreiben von Hand aneignet?

Dem ist tatsächlich so. Um einen Stift zu führen, müssen viele Körperregionen zusammenspielen. Kurz: Von Hand schreiben ist etwas sehr Komplexes und stellt hohe Anforderungen – das stellen wir fest, wenn wir versuchen, mit unserer nicht dominanten Hand zu schreiben. Wer dafür nur noch eine Tastatur benutzt, dem gehen diese feinmotorischen Fähigkeiten verloren. Generell machen wir heute sehr viel weniger manuell als früher. Nicht umsonst rufen Kinderärzte dazu auf, dem Nachwuchs mehr Spiele anzubieten, die sie feinmotorisch herausfordern.

Hat sich die Schreibkompetenz in den letzten Jahrzehnten verändert?

Eindeutig, ja. Was sicher auch daran liegt, dass in der Schule längst nicht mehr Schönschreiben unterrichtet wird. Lange dachte man, die Handschrift entwickle sich von alleine. Aus der Forschung wissen wir heute jedoch: Das stimmt nicht. Handschrift muss trainiert werden. Im neuen Lehrplan wird dem glücklicherweise Rechnung getragen und dem Schreiben wieder mehr Bedeutung zugemessen. Inzwischen hat man nämlich erkannt: Eine gute Schrift braucht Übung und Pflege, dann schlägt sie sich auch auf Wortschatz und Spracherwerb nieder.

Handschrift versus Tablets: das Positive von beiden Seiten nutzen

Unsere Vorfahren ritzten Nachrichten in Steine, später tauchten sie Federn in Tinte – schon immer strebten Menschen eine schnellere Schreibtechnik an. Sind Tablets an Schulen somit ein Segen?

Ich finde Tablets super, gerade für Kinder mit Schwierigkeiten, aber ich sehe sie nicht als Ersatz für die Handschrift. Wir sollten das Positive von beiden Seiten nutzen – also manche Aufgaben in der Schule von Hand erledigen, andere mit Tablet, das wäre ideal. Momentan fehlen allerdings noch Programme für diese Geräte, die die Schrift fördern. Aber das bekommen wir auch noch hin.

Was heisst das für die Zukunft?

Generell ist der Stellenwert der Handschrift zuletzt wieder gestiegen. Dazu tragen auch Studien wie die aus China bei, die zeigt: Kinder, die bis zur dritten Klasse von Hand geschrieben haben, dann aber auf Tastatur umgestiegen sind, konnten in der fünften Klasse nicht mehr lesen. Natürlich ist dies nicht eins zu eins auf unsere Situation übertragbar, schon allein weil das System der chinesischen Schriftzeichen viel komplexer ist. Aber es verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Motorik und Kognitivem. So hat man auch im deutschsprachigen Raum erkannt, wie wichtig die Handschrift in den Schulen für die Schrift- und Sprachkompetenz ist. In den USA geht man noch einen Schritt weiter: Dort haben einige Staaten die herkömmliche Schreibschrift wieder eingeführt, die in den letzten Jahren durch eine vereinfachte Form ersetzt worden war. Diese ist übrigens viel schnörkeliger als unsere Basisschrift, die an Primarschulen vor einigen Jahren die Schnürlischrift abgelöst hat. Aufgrund all dieser Entwicklungen glaube ich nicht, dass die Handschrift ausstirbt.


Zur Person

*Judith Sägesser-Wyss ist Dozentin für Psychomotorik und Grafomotorik an der Pädagogischen Hochschule PHBern.