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«Wir müssen lernen, uns abzugrenzen»

27.09.18


Der Berliner Managementtrainer Gerhard Huhn* hilft bei der Suche nach dem Flow, dem Glückszustand im Job. Wie wir diesen erreichen und weshalb man nicht auf jede Anfrage des Chefs sofort reagieren sollte, erklärt er im Gespräch mit etextera.

Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Herr Huhn, wann sind Sie im Flow?

Mit «Flow» ist das Glücksgefühl gemeint, das Menschen erleben, wenn sie gänzlich in einer Beschäftigung aufgehen und ihnen dies gut gelingt. Kindern fallen solche Gefühle besonders leicht, aber auch Erwachsene kennen sie – wenn auch nicht immer von der Arbeit. Kurz: Es ist die Fähigkeit, sich selbst glücklich zu machen. Man kann auch sagen: Flow-Erfahrungen sind so etwas wie ein Rausch ohne Drogen. Ich erlebe das zum Beispiel in Momenten, in denen ich zunächst dachte: «Das schaffe ich nicht», und dann geht es doch irgendwie. Wenn ein Text zum Druck freigegeben werden kann, zum Beispiel, an dem ich intensiv gearbeitet habe. Aber auch wenn sich die Folien für einen Vortrag in letzter Sekunde doch noch in die richtige Reihenfolge bringen lassen. Es sind meist schlichte, aber vom Aufwand her komplexe Momente des Alltags.

Was genau passiert, wenn wir uns in so einem Flow-Moment befinden?

Dann funktioniert unser Rückkopplungssystem, und wir erleben die Situation als stimmig. Empfinden wir hingegen Spannung und Unruhe, signalisiert uns das Rückkopplungssystem, dass etwas nicht in Ordnung ist. Leider achten wir im Alltag und im Job viel zu selten auf diese Signale. Dabei könnten sie uns eine klare Orientierung liefern. Jeder Mensch verfügt über so ein internes Rückkoppelungssystem. Es sendet spürbare Signale über die momentane Lebensqualität. Rutschen diese in den negativen Bereich, alarmieren uns innere Spannung und Unruhe. Viele Menschen jedoch entwickeln eine grosse Geschicklichkeit, diese Warnsignale durch künstlich erzeugte gute Gefühle zu verdrängen.

Wie meinen Sie das?

Man gönnt sich zur Entspannung eine Zigarette, ein oder mehrere Gläser Alkohol, arbeitet noch intensiver oder lenkt sich mit intensiven Gefühlen ab. Hat dies alles nur den Zweck der Betäubung, sollte man dringend versuchen, mehr Flow-Momente in sein Leben zu bringen: Also mehr von dem machen, was wichtig und richtig für uns ist – dann verspüren wir auch wieder ein gutes Gefühl, dann ist alles im Fluss, oder eben auf Englisch: im Flow.

Weshalb sind Flow-Momente gerade im Job wichtig?

Ganz einfach: Menschen, die im Flow arbeiten, benötigen weniger mentale und physische Energie. Sie erledigen ihre Arbeit müheloser und vor allem gerne, haben eine zufriedene Grundstimmung, sind ausgeglichen und lassen sich nicht so schnell stressen.

Und wie genau kann man sich durch Arbeit glücklich machen?

In dem man sich zunächst Zielklarheit verschafft: Was ist wirklich wichtig? Ausserdem sollte man fokussieren, sich fragen: Was muss ich machen, um meine Ziele zu erreichen? Dazu gehört auch, sich regelmässig Feedback zu holen. In Unternehmen ist dies heute allerdings nur schwer möglich, denn Ziele werden oft vor Erreichen geändert. Deshalb kommt es darauf an, aus grösseren Zielen kleine Aufgaben zu machen, die realisiert werden können. Auch das wichtige Fokussieren auf ein Thema ist im Zeitalter von Multitasking nicht einfach – von den dauernden Unterbrechungen durch Handys, E-Mails und soziale Medien ganz zu schweigen.

Manchmal reicht es, zehn Minuten abzuschalten

Wir brauchen also die Möglichkeit, uns komplett auf ein Thema einzulassen, dann kommt der Flow von ganz alleine?

Genau. Aber natürlich ist ein permanenter Flow von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends unrealistisch. Darum geht es auch gar nicht. Wichtig ist es vielmehr, sich immer wieder Inseln zu schaffen, die einem Flow-Effekte bringen. Manchmal reicht es, wenn man einfach mal zehn bis fünfzehn Minuten alle äusseren Reize abschaltet und die Rückkopplung im System wieder zulässt.

Was raten Sie jemandem, der keinen Flow in seinem Beruf empfindet?

Gut ist es zum Beispiel, als letzten Schritt eines Arbeitstages seine Aufgaben für den nächsten Tag aufzuschreiben und zu überlegen: Was sind die fünf bis sechs wichtigsten Dinge, die ich morgen erledigen will? Diese Ziele werden so gestaltet, dass ein Gelingen prinzipiell möglich ist. Zwischen den von aussen festgelegten Pflichten sollte es machbar sein, 15 oder 30 Minuten mit diesen «wichtigen» Aufgaben weiter zu kommen.

Hat man am nächsten Tag die erste und zentrale Aufgabe erledigt, ist dies bereits ein toller Flow-Effekt. Daraufhin macht man sich an das zweite Thema und so weiter. Am Abend gilt es dann wieder zu überlegen: Welche Ziele nehme ich mir für den nächsten Tag vor? Beim Erledigen der jeweiligen Aufgabe sollte man stets versuchen, abzuschalten und sich ganz auf das gesteckte Ziel zu konzentrieren. Dabei gilt es unterscheiden zu lernen zwischen dem, was wichtig ist, und dem, was dringend ist. Oft ist dies nämlich nicht dasselbe. Um hier aber zu differenzieren, braucht es eine klare Zielsetzung. Es kommt auch nicht darauf an, sämtliche Punkte zu erledigen. Denn auch bei nur drei geschafften Punkten bleibt das gute Gefühl, zumindest das Zentrale erledigt zu haben.

Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, was wir heute alles von unserem Job erwarten? Spannend soll er sein, das Gehalt muss stimmen, und er soll uns auch noch in einen Glückszustand versetzen.

Ich sehe das genau umgekehrt: Es ist einfach gesünder, wenn man sich im Glückszustand befindet und zufrieden ist. Fragen der Sicherheit und der Bezahlung würde ich deshalb erst an zweiter oder dritter Stelle nennen. Dies ist auf Dauer bekömmlicher. Zunächst sollte man sich fragen: Welche Rangfolge haben meine Ziele im Leben? Setze ich mich damit auseinander, ist allerdings auch eine Veränderungsbereitschaft wichtig: Der Wille, an der momentanen Situation tatsächlich etwas zu ändern.

Das Glück selbst in die Hand nehmen

Ist es in manchen Berufen einfacher, Flow-Momente zu erleben als in anderen?

Nein, es kommt nicht auf das «Was» an, sondern auf das «Wie». So hat sich beispielsweise gezeigt, dass selbst bei fast mechanischen Tätigkeiten Flow-Effekte möglich sind – solange diese mit Hingabe und der gewissen inneren Einstellung ausgeübt werden. Das Glück kann man selbst in die Hand nehmen. Oder sich zumindest überlegen, wie man es in die Hand nehmen könnte – das wäre dann meine Arbeit und die unserer Akademie: Die Menschen wieder auf den Weg zu begleiten, hin zur authentischen Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmtheit. Manchmal braucht man dazu nämlich Anregung von Aussen, um sich mal aus der Vogelperspektive zu betrachten und die Möglichkeiten von Flow-Erfahrungen im eigenen Bereich zu entdecken.

Befinden sich Ihrer Erfahrung nach die meisten Arbeitnehmenden im Flow – oder sind sie weit davon entfernt?

Eher Zweites. Die meisten nutzen den Spielraum, den sie haben, einfach viel zu wenig.

Was sollten sie denn konkret tun?

Wer zum Beispiel eine Anfrage vom Chef oder Kunden erhält, reagiert meist sofort und lässt daneben seine eigene Tätigkeit liegen. Besser wäre es, sich zunächst zu besinnen, wann sich was am besten erledigen liesse bzw. was überhaupt zu schaffen ist. Also einfach mal zur Antwort geben: «Kann ich Sie in einer Stunde zurück rufen?» Stattdessen aber reagieren wir wie ein Kommunikationsautomat. Wir müssen jedoch lernen, uns abzugrenzen, ja, uns zu schützen – was insbesondere angesichts der neuen Medien natürlich nicht einfach ist. Kurz: Es geht darum, sich selbst deutlicher wahrzunehmen, die Balance zu halten und eventuelle Warnzeichen der Überforderung früher zu registrieren. Dazu gehört auch, sich häufiger zu trauen, höflich aber bestimmt «nein» zu sagen. (Bild: Christoph Jaenichen)

Zur Person
*Dr. Gerhard Huhn ist Mitgründer und Leiter der Flow Akademie, zertifizierter Lehrcoach ECA, Managementtrainer und Universitätsdozent. Er schöpft in seiner Tätigkeit aus einer mehr als vierzigjährigen Beschäftigung mit den praktischen Aspekten der Gehirnforschung, speziell mit den Konsequenzen für Motivation, Lernprozesse, Kommunikation und Kreativität. Im Flow-Konzept von Prof. M. Csikszentmihalyi fand er den Schlüssel, die vielfältigen Ansätze seiner praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse zu integrieren.

Bild: pixelio.de/Andreas Hermsdorf

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