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«Das Ungleichgewicht zwischen Journalismus und PR verstärkt sich»

28.02.14


Sylvia Egli von Matt* über Entwicklungen im Journalismus und in der Kommunikations-branche. Nach 15 Jahren als MAZ-Direktorin gibt sie am 13. März das Amt ab – anlässlich des 30. Geburtstages der Journalistenschule.



Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera

Sylvia Egli von Matt, insgesamt 25 Jahre lang haben Sie das MAZ geprägt – zuerst als Dozentin, später als Direktorin. Was hat sich im Journalismus in dieser Zeit am meisten verändert?

Das Tempo ist der grösste Unterschied. Heute geht alles viel schneller, zudem ist der Journalismus visueller und vor allem dialogischer. Zu meinen Anfangszeiten als Journalistin hatten wir eine klassische Einwegkommunikation; heute hingegen herrscht ein Dialog: In den sozialen Medien muss man sich den Reaktionen der Leser stellen. 

Inwiefern hat der Aufstieg des Internets Ihre Direktionszeit mitgeprägt?

Es begann schon während meiner Zeit als Tagi-Redaktorin, da mussten wir zumindest die Art unserer Recherche umstellen. In den letzten Jahren kam dann mit dem Onlinejournalismus das multimediale Storytelling auf. Das heisst, eine Geschichte wird auf verschiedenen Plattformen und über den ganzen Tag weitergeschrieben, optimiert und angereichert, aber auch korrigiert. Zu meiner Anfangszeit hingegen schrieb man eine Version des Artikels, und fertig wars.

Offen sein für neue technische Möglichkeiten

Was muss eine Journalistenschule ihren Studierenden im Jahr 2014 vermitteln?

Sie muss vor allem einen grossen Spagat leisten. Einerseits nämlich die Basics vermitteln, etwa die klaren Werte des Journalismus, zu denen Offenheit und Fairness gehören. Dazu das klassische Recherchehandwerk: rausgehen, zuhören, Geschichten suchen. Und auch Medienrecht und Medienethik dürfen nicht zu kurz kommen. Auf der anderen Seite müssen wir eine kritische Offenheit vermitteln für alles Neue. Selbst wenn neue technische Möglichkeiten zu Beginn als störend wahrgenommen werden können – ein Journalist, eine Journalistin sollte grundsätzlich dafür offen sein und vor allem in der Lage, herauszudestillieren, was wichtig ist. Deshalb sagen wir unseren Studierenden stets: Die Konzentration auf eine Sparte, wie etwa Print, reicht nicht mehr. Sie müssen bimedial sicher sein, d.h. ein Hauptmedium haben und sich in mindestens einem anderen Medium bewegen können. Unsere Diplomausbildung, die immer noch das Herz unserer Studiengänge ist, haben wir deshalb konsequent multimedial umgebaut.

Wie hat sich das Profil des MAZ-Teilnehmers verändert?

Zu uns kommen zunehmend Leute mit Bachelorabschluss – schon alleine, weil man ohne diesen Titel kaum mehr ein Volontariat bekommt. Diese Studierenden sind allerdings gelegentlich mehr auf der Suche nach Credits als nach Inhalten – ein Effekt der Bologna-Reform, die wir genauso spüren wie andere Hochschulen auch. Hinzu kommt: Der Druck in den Redaktionen ist heute viel grösser, die angehenden Journalisten müssen extrem viel arbeiten und kommen daher buchstäblich müde zu uns. Allerdings ist in den letzten fünf Jahren auch zu beobachten, dass sie wieder mehr Leidenschaft an den Tag legen und zielstrebiger sind. Die Redaktionen wiederum beteiligen sich wieder stärker an der Finanzierung der Ausbildung – eine Entwicklung, die ich sehr gut finde.

Die Kommunikationsbranche rüstet auf, im Journalismus wird zusammengestrichen

Am MAZ werden aber nicht nur Journalisten ausgebildet, sondern auch Kommunikationsleute.

Ja, schon von Anfang an. Zum einen, weil klar war, dass mit Journalismus alleine sich die Schule nicht finanzieren lässt. Zum anderen aber auch, weil wir bewusst beide Seiten ausbilden wollten – damit jede Partei weiss, wie die andere arbeitet, was für Ansprüche sie hat.

Über die Studierenden bekommen Sie einen guten Einblick in die Medienbetriebe und in die Kommunikationsbranche. Welche Schlüsse ziehen Sie?

Das Ungleichgewicht zwischen Journalismus und PR verstärkt sich. Während die Kommunikationsbranche weiter aufrüstet und einstellt, sich also weiter professionalisiert, wird in den Medienhäusern immer noch gnadenlos zusammengestrichen. Sichtbar wird dies, weil in den Publikationen die grossen Recherchen ausbleiben – insbesondere bei mittleren und kleineren Zeitungen fehlen dazu einfach die Zeit und vor allem Mitarbeitende. Für die Kommunikationsbranche wird es dadurch immer einfacher, ihre Botschaften zu lancieren. Darin sehe ich die grösste Gefahr.

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie den Titel «MAZ-Direktorin» abgegeben haben?

Ich fahre mit meinem Mann für einen Monat nach Nizza. Nachmittags und abends stehen klassische Ferien auf dem Programm. Morgens jedoch werde ich mein Französisch aktivieren – damit ich mich als Vizepräsidentin der Eidgenössischen Medienkommission künftig besser mit meinen französischsprachigen Kollegen in ihrer Muttersprache austauschen kann.


*Zur Person
Sylvia Egli von Matt mit Jahrgang 1952, ist seit 1988 an der Schweizer Journalistenschule MAZ Luzern tätig, zunächst als Studienleiterin, Dozentin und Medientrainerin, bevor sie 1998 die Gesamtleitung übernahm. Am 13. März übergibt sie den Direktorenstab an ihren Nachfolger Diego Yanez, bisher TV-Chefredaktor beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Unter Egli von Matts Leitung profilierten sich am MAZ neben dem Journalismus die Abteilungen Medienkommunikation/Rhetorik und Visuelle Publizistik. Ein Team von 24 Festangestellten und über 300 Dozierenden begleiten die jährlich über 1000 Studierenden. Egli von Matt ist u.a. Vizepräsidentin der Eidgenössischen Medienkommission, Vizepräsidentin des Fachhochschulrates Luzern, Ombudsfrau von Swissinfo und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift «Schweizer Journalist».

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