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«Wer sich nicht an Klatsch und Tratsch im Büro beteiligt, verpasst etwas»

06.02.19


Auf Fluren oder in Kaffeeküchen von Unternehmen ist er zu Hause, der formlose Informationsfluss. Führungskräften graut oft davor, weil er sich der Kontrolle entzieht, Halb- und Unwahrheiten produziert und seine ganz eigene Dynamik hat. Weshalb Flurfunk für den Zusammenhalt wichtig ist und wie er sich positiv nutzen lässt, erzählt Kommunikationsexperte Stefan Häseli*.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Häseli, der Flurfunk ist einer der effektivsten Kommunikationskanäle im Büro. Wo liegen seine Chancen?
Flurfunk bedeutet: Mitarbeitende eines Unternehmens tauschen sich informell aus, losgelöst von äusseren Formen – dies kann etwa während der Pause in der Kaffeeecke sein. Dabei erfährt man unheimlich viel und fühlt sich gleichzeitig zu nichts verpflichtet. Wer sich nicht daran beteiligt, verpasst etwas, denn nirgendwo sonst verbreiten sich Neuigkeiten schneller – und das über alle Hierarchieebenen und Abteilungen hinweg. In kürzester Zeit werden so offizielle wie inoffizielle Informationen weitergetragen.

Dabei ist Klatsch und Tratsch auf dem Flur mehr als eine blosse Gerüchteküche.
Genau. Im Idealfall stärkt der informelle Austausch den Zusammenhalt unter der Belegschaft. Er kann also Entscheidungen und Karrieren beflügeln – gleichzeitig aber auch Menschen und deren Reputation zerstören.

Sobald über Abwesende geredet wird, ist es kritisch

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen positiven und negativen Effekten des Flurfunks?
Sobald über Abwesende negativ geredet wird, finde ich es kritisch. Oder wenn ein Unternehmen in einer schwierigen Umbruchphase steckt, es darüber aber keine offene Kommunikation gibt und die Diskussionen sich auf den Flurfunk verlagern. Dann funktioniert dieser wie ein Verstärker.

Inwiefern?
Ist die Zusammenarbeit innerhalb der Belegschaft gut, verbessert sie sich durch Flurfunk meist noch mehr. Ist sie ohnehin nicht optimal, wird sie oft noch schlechter.

Wird Flurfunk unterschätzt?
Ja, vor allem in Führungsetagen. Gerade in Umbruchphasen sind Klatsch und Tratsch hervorragendere Seismografen, um eine Ahnung davon zu kommen, wie die Belegschaft zu den Veränderungen steht. Komme ich als Berater mit einem Mandat in ein Unternehmen, versuche ich mir zunächst ein Bild von der Lage zu machen. Dazu gehe ich mit den Leuten vor allem in die Pause – denn hier erfahre ich, wo wirklich der Schuh drückt. Und das ist zum Teil diametral anders als das, was der Personalchef erzählt.

Weshalb sich der Chef bewusst am Flurfunk beteiligen sollte

Wie sollten Führungskräfte den formlosen Informationsfluss also besser nutzen?
Sie sollten vor allem offen kommunizieren – also das tun, was sie sowieso müssen. Weiter gilt es, den Flurfunk als wichtigen Infokanal im Unternehmen wahrzunehmen und sich auch selbst daran zu beteiligen.

Wie könnte das konkret aussehen?
Der ehemalige CEO einer grossen Schweizer Versicherung ging stets ganz bewusst zur Rush Hour in die Betriebskantine. Dort setzte er sich nicht zum Kader sondern zu ganz normalen Angestellten. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er sehr viel und konnte gleichzeitig auch einiges von dem, was ihm wichtig war, subtil unter die Leute bringen.

Sie plädieren also für Kaffeeecken auf jeder Etage?
Zum Beispiel, ja. Grundsätzlich sollten Führungskräfte sich freuen, wenn Mitarbeitende sich austauschen und Kaffeepausen deshalb positiv deuten. Kurz gesagt: Es geht darum, Flurfunk als wichtigen Bestandteil fürs Betriebsklima zu schätzen und nicht als lästige Ablenkung von der Arbeit zu sehen.


Zur Person

*Stefan Häseli ist Keynote-Speaker, Moderator und war mehrere Jahre als Kabarettist unterwegs. Als Kommunikationsberater begleitet er zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen und doziert an Universitäten und Fach-Hochschulen. Häseli ist Autor des Buches „Erfolgreiche Kommunikation auf dem Büroflur" (Haufe Verlag 2015, 36,90 Fr.).

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