«Ein knackiger Tweet kann genügen, um ins Fernsehen eingeladen zu werden»

30.07.15


Wie bedienen sich Politiker und Unternehmen erfolgreich der sozialen Medien? David Schäfer*, Gründer und Geschäftsführer der Zürcher Social Media-Schule somexcloud über Tipps für Einsteiger und verhängnisvolle Freitagabendtweets.

Redaktion/Interview: Textagentur etextera

Herr Schäfer, wie oft ärgern Sie sich auf Facebook oder Twitter weil Sie feststellen: Da hat jemand nicht verstanden, wie man die Plattformen nutzt?

Viel zu oft. Meistens über marktschreierische Posts, wie man sie aus der Werbung kennt. Viele Unternehmen begreifen nicht, um was es auf Social Media geht.

Und um was geht es?

Um einen offenen, transparenten Dialog mit den Ansprechgruppen.

Wie sollten sich Unternehmen oder Politiker verhalten, um soziale Medien erfolgreich zu nutzen? Beide wollen schliesslich etwas verkaufen, bzw. sich selbst darstellen.

Generell sind die Mechanismen dieselben: Es geht jeweils darum, das Gegenüber ernst zu nehmen, einzubinden, zu engagieren. Und die Plattform nicht als Push-Medium zu verstehen, auf dem nur Verlautbarungen gepostet werden.

Accounts nicht beliebig, sondern mit System bewirtschaften

Für die National- und Ständeratswahlen im Herbst haben Sie eine Praxisausbildung für Politiker zusammengestellt: «Social Media in der politischen Kommunikation». Wie ist die Resonanz darauf?

Bisher relativ bescheiden. Allerdings war das nicht anders zu erwarten. Wir lancierten den Workshop, nachdem wir ihn bereits für verschiedene Parteien durchgeführt hatten. Er richtet sich vor allem an Politiker und Politikerinnen, die schon Social Media nutzen und die Kommunikation dort auf recht hohem Niveau betreiben. Zusammen mit den Teilnehmenden setzen wir eine individuelle Strategie auf, die etwa dafür sorgt, dass deren Accounts mit System bewirtschaftet werden.

Und welchen Tipp haben Sie für Neueinsteiger im Hinblick auf die Wahlen im Herbst?

Hat jemand noch überhaupt keine Social Media Erfahrung, bringt es nichts, sich drei Monate vor der Wahl schnell Accounts anzulegen und Blogs aufzuschalten. Denn in den sozialen Medien gilt es ständig präsent zu sein, nicht nur kurz vor der Wahl. Dort braucht die Interaktion mit potentiellen Wählern Zeit und muss wachsen; von heute auf morgen geht das nicht Es ist ein grundlegendes Problem der Schweizer Politik, dass die Nomination für Stände- und Nationalrat mit vier bis fünf Monate vor der Wahl viel zu spät ist. Wer als Politiker lediglich in diesem kurzen Zeitraum mit Wählern kommunizieren will, sollte besser nicht auf Social Media setzen.

Wenn aber doch: Sollte man lieber auf Twitter oder Facebook aktiv werden?

Das kommt darauf an, wen man erreichen will. Twitter ist für Politiker wunderbar, um Journalisten auf sich aufmerksam zu machen. Ein knackiger Tweet kann genügen, um ins Fernsehen eingeladen zu werden. Allerdings tummeln sich in der Schweiz vor allem Kommunikationsleute und Journalisten auf Twitter, ein ganz eigenes Klientel also, nicht die breite Wählerschicht. Letztere erreicht man besser via Facebook. Nach der letzten Wahl in der Schweiz gab es eine Studie, die besagte, dass Social Media Aktivität Politikern nichts gebracht hätten. Meine subjektive Wahrnehmung ist jedoch eine andere: Diejenigen, die in den sozialen Medien Vollgas gegeben haben, erzielten auch gute Wahlergebnisse. Denn meist ist es ja so: Personen, die wissen, wie sie in Öffentlichkeit agieren müssen, wissen auch wie sie Social Media für sich nutzen können.

Ironie und Sarkasmus sind in 140 Zeichen kaum zu vermitteln

Welche Politiker machen dies besonders gut?

Balthasar Glättli (Nationalrat Grüne, ZH) ist sicher ein Paradebeispiel. Aber auch Natalie Rickli (Nationalrätin SVP, ZH) macht das schon lange geschickt; Lea Kusano (Nationalratskandidatin SP, BE) ist auch sehr gut, was nicht erstaunt, da sie Kommunikationsberaterin ist. Genauso wie Min Li Marti (Nationalratskandidatin SP, ZH).

Sie sagen, ein knackiger Tweet kann ausreichen, um ins Fernsehen eingeladen zu werden. Das Gleiche gilt aber auch umgekehrt: Mit einer unüberlegt getippten Bemerkung manövriert man sich schnell ins Abseits. Was sollte man in diesem Zusammenhang vermeiden?

Den Freitagabendtweet, wie ich ihn nenne: Müde und nach drei Gläsern Rotwein lässt man sich von irgendetwas provozieren und setzt einen Kommentar ab. Etwas, was man schon immer sagen wollte, sich aber aus gutem Grund bisher verkniffen hat. Auch beim Versuch gegen Trolle anzuschreiben kann man nur verlieren. Zudem sollte man sich bewusst sein: Ironie und Sarkasmus sind in 140 Zeichen kaum zu vermitteln. Deshalb: Sachlich bleiben in den Aussagen und als Politiker seinen Standpunkt klar machen.

Und im Zweifelsfall lieber nicht auf Social Media präsent sein?

Im Normalfall – so lange man keinen Freitagabendtweet ablässt und einigermassen professionell unterwegs ist – kann man von Social Media fast nur profitieren. Und ist man erstmal gewählt, folgen einem Politjournalisten ohnehin auf Twitter. Allein schon für den Fall einer Wahl lohnt es sich, im Vorfeld bereits auf Social Media aktiv zu sein. Nachdem man gewählt wurde, hat man nämlich meist keine Zeit, sich damit auseinander zu setzen.

Wer sich neuen Medien verweigert, verliert den Kontakt zu ganzen Bevölkerungsgruppen

Aber es gibt auch Politiker, die sich ganz bewusst gegen eine Präsenz in den sozialen Medien entscheiden.

Das ist völlig legitim. Doch am Ende des Tages ist eine Verweigerung von Social Media wie die Entscheidung, Briefe statt E-Mails zu schreiben: Man kann dies machen, muss sich aber gleichzeitig bewusst sein, dass wir im Jahr 2015 leben. Journalisten aber auch die meisten Wähler erreicht man heute nun mal mittels neuer Medien. Verweigert man sich diesen, verliert man den Kontakt zu ganzen Bevölkerungsgruppen und versteht zum Beispiel nicht, dass die junge Generationen gar nicht mehr zwischen online und offline Welt trennt. An solch einem Kontaktverlust kann kein Politiker interessiert sein – und auch kein Unternehmen.

Wie lautet Ihre Zukunftsprognose? Brauchen wir vor der nächsten Wahl gar nicht mehr über dieses Thema zu reden, weil sich bis dahin alle Politiker ganz selbstverständlich der sozialen Medien bedienen?

Ziemlich sicher, ja. Vielleicht werden wir dann die Geschichte lesen von einem exotischen Politiker, der sich immer noch Twitter und Facebook, respektive Social Media, verweigert und trotzdem gewählt wurde – das wird dann eine kleine Sensation sein. (kri)


Zur Person:

*David Schäfer, Unternehmens- und Kommunikationsberater, ist Gründer und Geschäftsführer der SOMEXCLOUD GmbH in Zürich, welche als erste Social Media-Schule der Schweiz seit 2011 die Welt 2.0 erklärt.

 

PS: Warum selber machen, wenn es Profis gibt? etextera unterstützt Sie beim Texten, Gestalten und Umsetzen Ihrer Kommunikationsprojekte. Sprechen Sie mit uns.